Als der Dalai-Lama 1959 ins indische Exil flüchtete, war Wangpo Tethong noch gar nicht geboren. Der 46-Jährige ist einer von rund 170 000 Exil-Tibetern weltweit. Hauptberuflich arbeitet Tethong als Kommunikationsberater in der Schweiz. "Nebenberuflich bin ich Tibet-Aktivist." Im Kampf um die Selbstbestimmung Tibets setzt er sich für neue Wege ein.Flucht bei Nacht und Nebel Bislang haben die Tibeter nichts erreicht. Als sie sich am 10. März 1959 erstmals gegen die chinesische Herrschaft auflehnten, ließ die kommunistische Führung den Volksaufstand in Tibets Hauptstadt Lhasa blutig niederschlagen. Innerhalb weniger Tage sollen mehr als 10 000 Tibeter ermordet worden sein. Bei Nacht und Nebel floh das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, nach Indien. Seitdem droht der wachsende Einfluss Chinas die Kultur Tibets zu zerstören. Millionen Chinesen siedelte die Volksrepublik in der "Autonomen Region Tibet" an. Einzig im Exil konnten die Tibeter ihre Traditionen bewahren. Doch das wird immer schwieriger. Nicht nur deshalb, weil die Exil-Tibeter gerade mal zwei Prozent des tibetischen Volkes ausmachen. "Unsere Zeit läuft ab", sagt Wangmo Tenzin. Auch sie lebt in der Schweiz. Die Mitt-Vierzigerin gehört zur zweiten Generation der Exil-Tibeter. Ihre Muttersprache beherrscht sie nur noch unsicher. "Wir sind ein offenes Volk und integrieren uns schnell", sagt sie. Genau das könnte zum Pro blem werden. Denn die nächste Generation weiß kaum noch etwas von der eigenen Kultur. "Chinas Rechnung geht auf", fürchtet Wangmo Tenzin. Nachdem die Forderung nach Unabhängigkeit aussichtslos schien, änderte der Dalai Lama 1988 seinen Kurs. Seitdem forderte er lediglich die kulturelle Autonomie Tibets innerhalb eines chinesischen Nationalstaates. Doch China bewegte sich weiterhin keinen Zentimeter. Seit den gewalttätigen Ausschreitungen in Tibet im März vergangenen Jahres dreht China die Schrauben enger. Angesichts dieser Entwicklungen diskutieren die Tibeter offen über eine neue Kurskorrektur. Vor allem die junge Generation hält nichts vom gewaltfreien Weg des Dalai Lama.Gewaltfrei aktivFür Wangmo Tenzin ist jedoch auch Gewalt keine Lösung. "Wir sollten anders aktiv werden", sagt sie. Die Tibeter müssten Brücken zum chinesischen Volk bauen. "Viele Chinesen leiden genauso unter der kommunistischen Führung. Nur gemeinsam können wir etwas erreichen." "Die Zeit ist reif für zivilen Protest", sagt Wangpo Tethong. Eine Lösung auf politischer Ebene ist auch für ihn ferner denn je. In Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise wird der internationale Druck auf China schwächer. Tethong ist Realist. "Eine Lösung des Tibet-Konflikts wird es wohl zu Lebzeiten des Dalai Lama nicht mehr geben." Strategien müssten langfristig auf eine Öffnung Chinas in Richtung Demokratie abzielen.