Eilig kommt Manfred Kühnel aus seinem Haus gelaufen. Dem 75-Jährigen ist gerade ein Stein vom Herzen gefallen. „Ich habe Sprengmeister Büchner schon in der Luft gesehen, als ich die Detonation vorhin spürte. Aber jetzt hörte ich in den Nachrichten, dass es eine kontrollierte Sprengung war“, sagt er. Reinhard Zöllig nickt: „Die Hosenbeine haben geflattert. Ein Anwohner ist gleich weggelaufen.“ Ingolf Winterfeld schaut immer wieder in Richtung Brücke. „Ich war gerade bei meinen Schafen hinten, als es knallte.“

Dabei hatte erst alles so ausgesehen, als könnte die Suche nach Kampfmitteln in der Mühlenstraße rechtzeitig vor den Weihnachtsfeiertagen abgeschlossen werden. Zuerst wurden die neun Raketensprengköpfe gefunden. „Jeder von ihnen enthält 45 Kilogramm TNT. Insgesamt also 400 Kilogramm Sprengstoff – nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die bei den Explosionen der Riegelminen in der vergangenen Woche mit hochgegangen wären“, so Dieter Perko (CDU), der Neuhausener Bürgermeister. Die Sprengköpfe, schildert er, seien auch schon ziemlich verrostet gewesen. Aber sie sind nicht so empfindlich. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst konnte sie bergen und abtransportieren lassen. Doch dieser erste Schreck wurde wenig später noch getoppt: In einer Tiefe von fast sechs Metern fanden die Spezialisten die erste Riegelmine. Gegen 14.10 Uhr wurde sie kontrolliert zur Sprengung gebracht. Als dabei der Sand hochflog, kam eine zweite Riegelmine zum Vorschein und wurde etwa eine halbe Stunde später kontrolliert gesprengt.

In einer Tiefe von sechs Metern liegen normalerweise solche Sprengkörper nicht mehr. „Gut, dass der Kampfmittelbeseitigungsdienst trotzdem so tief geschaut hat. Keiner weiß, wie tief der Trichter ist. Aber es muss hundertprozentig alles raus. So etwas darf kein zweites Mal in Neuhausen passieren“, sagt Bürgermeister Perko. Wie Sprengmeister Büchner hatte er gehofft, dass die Arbeiten abgeschlossen werden können. Doch nun muss die Suche nach den Feiertagen weitergehen. „Die Leute vom Kampfmittelbeseitigungsdienst und von der Beräumungsfirma Röhll waren am Freitagnachmittag ganz durchnässt und mit Schlamm vollgespritzt. Und auch die Einwohner sind inzwischen beunruhigt. Eine Pause haben sich alle verdient. Deshalb gibt es jetzt auch erst einmal Weihnachtsfrieden“, sagt Perko. Aber in der nächsten Woche muss die Suche fortgesetzt werden. „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Denn das Wetter kann schnell umschlagen. Und bei Frost bekommen wir Probleme. Auch die oberirdische Wasserversorgung kann dann nicht so aufrecht erhalten werden“, sagt Perko.

Doch am Dienstag können die unmittelbaren Anwohner in den Häusern Mühle 1 und 3 - 4 noch in ihren Häusern bleiben. Aus dem Krater müsse dann erst einmal das Wasser abgepumpt werden. Und der Kampfmittelbeseitigungsdienst braucht einen neuen Bagger. „Bei sechs Metern Tiefe ist der Bagger, der bisher nach den Minen sucht, ja fast nicht mehr zu sehen“, sagt der Bürgermeister.

Er hat am Freitag noch einmal Zettel an die Anwohner verteilt. Nach den Laboruntersuchungen steht fest: Das Wasser aus der oberirdischen Leitung ist keimfrei und muss nicht mehr abgekocht werden – 36 Einwohner werden derzeit über diese Leitung versorgt, da der Bagger bei seiner Suche die eigentliche Wasserleitung beschädigt hatte.

Manfred Kühnel macht sich nach diesem Freitag schon mehr Sorgen als noch am Anfang dieser Woche. Reinhard Zöllig nickt: „Ich hoffe immer, dass den Jungs dort am Krater nichts passiert. In ihrer Haut möchte ich derzeit nicht stecken. Die haben mir erzählt, dass sie vor ein paar Monaten einen Kollegen bei einem Einsatz verloren haben. Das geht einem doch nicht aus dem Kopf.“ Manfred Kühnel winkt ab, die Suche werde bestimmt noch Wochen dauern. „Vielleicht finden sie dann auch noch meine alte Schrotsäge wieder“, sagt er. Dass das ein Bombentrichter gewesen sein soll, glaubt Kühnel nämlich nicht. Er hat es als Gewässer erlebt, darin Fische geangelt und beim Eissägen seine Schrotsäge verloren. „Das war ganz schön tief dort, der Mühlenbesitzer nutzte es als Umfluter. Und eine Bombe kann auch mal reingefallen sein, das schon“, so Kühnel. Nach und nach löst sich die kleine Einwohnerschar auf. Und die guten Wünsche für die Weihnachtsfeiertage sind irgendwie ernster gemeint als in den Vorjahren. Langsam fährt Reinhard Zöllig durch die Öffnung in der Absperrung zu seiner Mietwohnung. Er stellt das Auto auf dem Hof ab und läuft erst einmal eine Runde um das Haus. „Kein Schaden zu sehen“, ruft er. Auch Bürgermeister Perko hat auf den ersten Blick erst einmal keine weiteren Schäden festgestellt.