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34 Cent mehr: Mindestlohn spaltet Lausitz

Heiko Schneider hat seine Preise in den vergangenen drei Jahren um 20 Prozent erhöht. Zwischen 35 und 45 Euro kostet nun ein Frauen-Kurzhaar-Schnitt bei Haarschneider in Hoyerswerda. Die Kunden haben Verständnis.
Heiko Schneider hat seine Preise in den vergangenen drei Jahren um 20 Prozent erhöht. Zwischen 35 und 45 Euro kostet nun ein Frauen-Kurzhaar-Schnitt bei Haarschneider in Hoyerswerda. Die Kunden haben Verständnis. FOTO: Zeidler
Lausitz. Die Pflegebranche reagiert mit Sorgenfalten auf der Stirn, Handwerksunternehmen etwas entspannter. Fachleute fordern mehr Kontrollen. Michèle-Cathrin Zeidler

Waschen, schneiden und föhnen - alles wie gehabt im Friseursalon HaarSchneider in Hoyerswerda. Doch an der Kasse stutzen manche Kunden: Hat das früher nicht einmal weniger gekostet? Ja hat es. "In den vergangenen drei Jahren haben wir unsere Preise um 20 Prozent erhöht", sagt Inhaber Heiko Schneider. Für einen Damen-Kurzhaarschnitt werden zwischen 35 und 45 Euro fällig, lange Löwenmähnen müssen bis zu 50 Euro bezahlen, je nach Stylisten. Grund für die Preiserhöhung: der Mindestlohn. Seit Jahresbeginn ist dieser noch einmal angehoben worden - um 34 Cent auf nun 8,84 Euro pro Stunde.

Heiko Schneider hat sich frühzeitig mit dem Mindestlohn auseinandergesetzt und das Thema offen mit seinem Team besprochen.

"In unserer Branche wird nach Leistung bezahlt, das geht bei uns bei neun Euro los, und Spitzenkräfte bekommen bis zu 14 Euro pro Stunde", verrät Heiko Schneider und betont, "Friseure haben einen harten Job, müssen sich ständig weiterbilden und sind immer im Kundenkontakt."

Dabei wirkt sich die Mindestlohnerhöhung auf das gesamte Lohngefüge im Salon aus. "Das Lohnniveau ist deutlich angestiegen. Die Herausforderung ist nicht so sehr der Mindestlohn, sondern dass für die langjährigen Fachkräfte am Ende auch der Lohn steigt. Sie wollen natürlich weiterhin deutlich mehr bekommen als ein Junggeselle direkt nach der Ausbildung - und das ist richtig so", erzählt der Friseurunternehmer.

Das Verständnis für die Preiserhöhungen sei dabei bei den Kunden im vergangenen Jahr gestiegen. "Ob meine Mitarbeiter am Ende aber wirklich mehr von ihrem Geld haben, bezweifle ich ein wenig, schließlich sind auf der anderen Seite auch die Lebenshaltungskosten gestiegen - Bäcker, Fleischer, Friseur, aber auch Energiekosten", so Heiko Schneider.

An dieser Stelle ist Toralf Pusch, Arbeitsmarktexperte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung einer anderen Meinung: "Der Mindestlohn hat vielen gering bezahlten Arbeitnehmern tatsächlich geholfen, ihre Lebenssituation zu verbessern. Allerdings bleibt nun noch einiges zu tun, damit auch alle den Mindestlohn erhalten." Er fordert mehr Kontrollen. "Leider finden keine flächendeckenden Kontrollen statt. Der Zoll ist personell nicht so ausgestattet, dass das ginge", weiß auch Matthias Klemm, Regionalgeschäftsführer vom Deutschen Gewerkschaftsbund in Ostsachsen. Dennoch sieht er die Vorteile, der Mindestlohn sei vor allem Waffe gegen Schmutzkonkurrenz durch Billiglöhne. "Wenn alles richtig läuft, haben die Leute mehr Geld auf dem Konto. Trotzdem schützt der Mindestlohn noch nicht vor Armut, wenn man Familie und Kinder hat."

Auch im Elektrohandwerk bekommen Beschäftigte seit Jahresbeginn mehr Geld: Hier wurde auf 10,40 Euro pro Stunde erhöht. Trotzdem gab es keine Änderungen beim Elektroservice Stefan Prinz in Cottbus. "Ich bezahle all meinen 16 Kräften mehr als den Mindestlohn", sagt Stefan Prinz. Das macht er nicht ohne Grund: "Gute Kräfte sind hart umkämpft, denn es herrscht ein Fachkräftemangel."

Keine Auswirkungen auf die erste Lohnabrechnung gab es weiterhin bei den Mitarbeitern von Willms in Weißwasser. "Der Mindestlohn ist in unserem Unternehmen bei der Entlohnung der Mitarbeiter kein Thema, da wir unsere Mitarbeiter übertariflich bezahlen", so der Pressesprecher des Fleisch- und Wurstherstellers.

Anders bei Pro Civitate Pflege und Betreuung in Elsterwerda. "Der Mindestlohn wurde vor zwei Jahren eingeführt und zum Jahresbeginn in unserer Branche auf 9,50 Euro erhöht", weiß Einrichtungsleiter Ronny Kuhn. Das Problem: Der Betrag, den die Pflegekassen übernehmen, ist seit Jahren konstant. "Die Mehrkosten werden an die Bewohner und die Angehörigen weitergegeben", sagt Ronny Kuhn. In Elsterwerda betreuen seine 70 Mitarbeiter 116 Pflegebedürftige.

"Pflege ist ein Beruf, der nicht fair entlohnt wird", weiß der Heimleiter. Gerne würde er seinen Mitarbeitern für die schwere körperliche Arbeit mehr bezahlen. "Ab 1. Januar 2018 steigt der Mindestlohn noch einmal auf 10,95 Euro", sagt Ronny Kuhn mit Sorgenfalten auf der Stirn. "Auch das muss gegenfinanziert werden, und ich hoffe wirklich, dass die Pflegekassen ihre Beiträge erhöhen. Ansonsten bleiben diese Kosten wieder an den Angehörigen hängen."

Andreas Schulz von Spree Gerüstbau in Luckau freut sich hingegen über die Entwicklung vom Mindestlohn. Er zahlt nur zwei von seinen 30 Mitarbeitern die gesetzlich vorgeschriebenen 10,70 Euro. "Meine gelernten Kräfte bekommen zwischen 13 und 15 Euro pro Stunde, den Mindestlohn gibt es nur für ungelernte Helfer in der Anfangszeit", sagt der Gerüstbauer. Vor der gesetzlichen Regelung hätten viele Betriebe in der Region am Lohn gespart. "Die Lohnkosten sind mit 80 Prozent der größte Posten beim Gerüstbau, und dreht man da die Schrauben an, kann man günstigere Preise anbieten", erklärt Andreas Schulz. In der Vergangenheit könnte er Aufträge daher teilweise nicht so günstig anbieten wie seine Konkurrenten. "Nun ist der Wettbewerb gerechter und ich bekomme meine Preise", so der Luckauer.

Zum Thema:
Der Mindestlohn wurde zum 1. Januar 2017 erstmals seit seiner Einführung im Jahr 2015 angehoben - von 8,50 Euro auf 8,84 Euro brutto pro Stunde. Damit haben Mindestlohnbezieher mit einer Vollzeitstelle monatlich rund 55 Euro mehr auf dem Lohnzettel. Gesamtwirtschaftlich bedeutet die Anhebung des Mindestlohns um einen Cent einen Kaufkraftgewinn von mindestens 50 Millionen Euro jährlich. Zudem führt die Erhöhung zu Mehreinnahmen bei den Steuern und Sozialversicherungssystemen. Seit seiner Einführung hat der Mindestlohn viele positive Effekte gehabt. Beispielsweise stiegen die Löhne in Bereichen, in denen der Mindestlohn eine große Rolle spielt, im Durchschnitt deutlich stärker als anderswo.