N ach diesem Nobelpreis räumt Geir Lundestad seinen Stuhl. Ein Vierteljahrhundert lang hat der Historiker als Sekretär des norwegischen Komitees über die Kandidatenliste für den Friedensnobelpreis gewacht. Dabei musste er mit seiner väterlichen, mal auch schlitzohrigen Art nicht nur einen Aufschrei des Empörens weglächeln. Egal, ob bei dem ersten Preis nach seinem Amtsantritt - an Michail Gorbatschow - oder denen an Obama oder die EU: Viele Entscheidungen in Lundestads Zeit waren höchst umstritten.

So ist auch die Liste, die dieses Jahr, kurz vor seinem Ruhestand, auf dem Schreibtisch des 69-Jährigen landete, noch ein letztes Mal voller kontroverser Namen. Und sie ist länger als je zuvor. Den alten Rekord von 2013 bricht die Liste mit 278 Nominierten - von Promis über Exoten und bis zu ewigen Favoriten - locker. "Das Interesse am Preis ist enorm gewachsen", sagt Lundestad.

Als Martin Luther King den Preis vor genau 50 Jahren bekam, musste er sich nur gegen 43 andere Kandidaten durchsetzen. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist Lundestads letzter Preis auch eine weitere Chance für Altkanzler Helmut Kohl, den Friedensnobelpreis zu bekommen. Konkurrenz bekommt er unter anderem von Papst Franziskus, der 17-jährigen Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai und dem US-Whistleblower Edward Snowden.

"Snowden ist umstritten, aber ein sehr interessanter Kandidat", sagt Kristian Berg Harpviken, Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio. Im Gegensatz zu Julian Assange oder Chelsea Manning, deren Namen auch als Preis-Anwärter im Umlauf sind, habe er sich verantwortungsbewusst und reflektiert gezeigt. Als Edward Snowden im September mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wurde, löste das in Schweden ein geteiltes Echo aus.

In seinen 25 Jahren als Nobel-Manager hat Lundestad Veränderungen angestoßen und fortgeführt, Frieden dabei auch neu interpretiert. Erstmals vergab die Jury Preise für Umweltschutz - 2004 an die Kenianerin Wangari Maathai, 2007 an Al Gore und den Weltklimarat. Der Nobelpreis wurde noch mehr zu einer weltweiten Auszeichnung. "Der Preis ist zu lange ein Preis der Amerikaner und Europäer gewesen", sagt der Nobel-Direktor. Und der Männer: Erst 15 Mal wurden seit 1901 Frauen geehrt. Acht der Preise fallen in Lundestads Amtszeit. 2013 hatte es ganz danach ausgesehen, als könnte eine neunte Frau zum Kreis der Nobelpreisträger zählen - vielmehr ein Mädchen. Die damals 16-jährige Malala, die in ihrer Heimat Pakistan für das Recht von Kindern auf Bildung kämpft, war große Favoritin - und steht auch 2014 bei den Buchmachern oben. Außerdem hoch im Kurs: Papst Franziskus. Weil er auf Ungleichheit und deren Einfluss auf die Menschenwürde und Konflikte aufmerksam gemacht habe, scheint er ein würdiger Kandidat, meint Berg Harpviken. "Dass er Nobelpreisträger wird, halte ich dennoch für unwahrscheinlich."

Der Forscher tippt dagegen auf einen Preis für die kremlkritische Zeitung "Nowaja Gaseta" oder die Organisation der Lesben, Gays, Bi- und Transsexuellen. Nur hatte das Nobelkomitee 2013 mit der EU und den Chemiewaffenvernichtern der OPCW Organisation geehrt. Diesmal könnten wieder Personen dran sein.

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Ein Nobelpreis-Geheimnis nach dem anderen lüften Jurys in Schweden und Norwegen in dieser Woche. Zum Start erfährt die Welt am heutigen Montag, wer die begehrte Auszeichnung in Medizin bekommt. Am Dienstag und Mittwoch folgen die Bekanntgaben der Preisträger in Physik und Chemie. Während diese Preise in Stockholm verkündet werden, geht der Blick am Freitag Richtung Oslo. Dort gibt das norwegische Nobelkomitee um 11 Uhr bekannt, wer den Friedensnobelpreis bekommt.