Eigentlich hätte der Wawel ein Staatsbegräbnis verdient. Immerhin steht der Fernzug für 161 Jahre Zugverbindung zwischen Berlin und dem polnischen Wroclaw. Doch die Deutsche Bahn, die den Zug aus Rentabilitätsgründen von der Schiene nimmt, hat am Samstag alles dafür getan, ihre Version zu untermauern. Wie Dieter Doege der RUNDSCHAU schildert, fehlen bei Fahrtantritt in Hamburg schon mal zwei Waggons. Von den übriggebliebenen zwei Wagen funktioniert in einem die Heizung nicht, berichtet der Landeschef des Fahrgastverbandes pro Bahn. Fahrgäste werden aufgefordert, den zehn Minuten später startenden ICE Richtung Berlin zu nehmen. Dieter Doege: "Jetzt sitzt ein Häuflein Fahrgäste in der 1. Klasse und gaukelt einen leeren Zug vor, der eigentlich brechend voll wäre."

Zur Szenerie auf der Abschiedstour passt es dann, dass der Wawel in Cottbus eine Viertelstunde zu spät kommt. Hier warten Vertreter aus Wirtschaft und Politik auf Bahnsteig 2, um ihren Protest gegen die Einstellung der letzten internationalen Fernverbindung auszudrücken. Der Kranz mit der Aufschrift "In Gedenken an die Direktverbindung Berlin-Breslau - Letzte Fahrt des EC Wawel +13.12.14" liegt bereit. Saxofon-Töne untermalen die Trauerstimmung.

"Nach zehn Jahren EU-Osterweiterung ist das Einstellen des Wawel ein Armutszeugnis für den Ausbau des deutsch-polnischen Grenzverkehrs auf der Schiene", erklärte Jens Krause, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus. Der Infrastrukturausbau in der Grenzregion verdiene mehr politisches Augenmerk. Mit der letzten Schienenfernverbindung nach Polen, so Krause, verliere Berlin-Brandenburg auch den direkten Anschluss an den mehr als sechs Millionen Einwohner zählenden wichtigen niederschlesischen und schlesischen Wirtschaftsraum.

"Es ist kein guter Tag und kein gutes Zeichen für die Lausitz" bewertet Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (parteilos) das Aus für den Wawel. Sie fordert den Bund auf, trotz Privatisierung der Bahn mehr Verantwortung zu übernehmen. Die Länder würden für ihre Bestellung des Regionalverkehrs bei der Bahn gut die Hälfte der Kosten übernehmen. Dass der Fernverkehr privatwirtschaftlich - ohne Zuschüsse des Bundes - funktionieren müsse, scheine nicht aufzugehen. Deshalb gehöre dieses Thema auf die Agenda der Infrastrukturminister-Konferenz der Länder. Aus Sicht von Kathrin Schneider müsse der Druck auf den Bund erhöht werden.

Vor der stattlichen Menge von "Trauergästen" auch aus Berlin und dem polnischen Zary läuft die Ministerin bei dem Europaparlamentarier Michael Cramer offene Türen ein. "Während für den Bund und die Bahn bei Stuttgart 21 Milliarden keine Rolle spielen, sind für den Ausbau der Strecke von Cottbus über Horka nach Polen 100 Millionen Euro angeblich nicht vorhanden", erklärt der Chef des Verkehrsausschusses des EU-Parlaments. In Europa wachse leider nicht zusammen, was zusammengehöre.

Für den Bündnisgrünen ist es "eine Bankrotterklärung des Bundes", wenn mit dem Wechsel zum Winterfahrplan der Nachtzug Berlin-Paris und die Eurocitys Berlin-Wien und Berlin-Breslau aufs Abstellgleis geschoben werden. "Zehn Jahre nach der EU-Osterweiterung ist das Schienenetz in Europa ein Flickenteppich, dessen Lücken exakt an den Grenzen bestehen." Cramer fordert die Bahn auf, ihre Hausaufgaben zu machen und die Potenziale auch des Wawel zu erkennen und zu heben. An die Adresse des Bundes gerichtet, betont der EU-Parlamentarier, die unfairen Rahmenbedingungen für die Bahn gegenüber dem subventionierten Flugverkehr und dem mautbefreiten Busfahren zu beseitigen.

Bis der Wawel wieder eine Chance bekommen könnte, will die IHK Cottbus einen Halt des seit zwei Jahren verkehrenden IC-Fernbus Berlin-Breslau. "Der jetzige Zustand ist für die Region nicht akzeptabel", betont Jens Krause, bevor der letzte Wawel um 11.44 Uhr Cottbus verlässt.