Die Eltern der heute 14-Jährigen zeigten sich erleichtert. „Wir sind froh und glücklich, dass er ein hartes faires Urteil bekommen hat“, sagte die Mutter. „Das nimmt die Angst vor der Zukunft.“ Ihre Tochter war zu dieser Zeit in der Schule. Am Rande der Urteilsverkündung wurde Kritik an ihrer Behandlung laut, das Jugendamt sorgt sich um Stephanies Betreuung.

Zufrieden zeigte sich auch die Staatsanwaltschaft, die 14 Jahre und neun Monate beantragt hatte. Die Behörde werde keine Rechtsmittel einlegen, sagte Oberstaatsanwalt Christian Avenarius. Der 36-jährige Angeklagte habe sich der Geiselnahme, Vergewaltigung, des sexuellen Kindesmissbrauchs und der Körperverletzung schuldig gemacht, sagte der Vorsitzende Richter Tom Maciejewski. Der arbeitslose Anlagenbauer hatte gestanden, die 13-Jährige im Januar in seine Gewalt gebracht, über Wochen gefangen gehalten, sexuell missbraucht und gequält zu haben.

Die Kammer schöpfte das gesetzlich mögliche Strafmaß für eine Geiselnahme voll aus. Aus der „schweren seelischen Abartigkeit“ von Mario M. ergebe sich keine verminderte Schuldfähigkeit, sagte der Richter. Das Geständnis von Mario M. und dessen Vorverurteilung in den Medien seien berücksichtigt worden, eine Strafminderung jedoch nicht in Betracht gekommen.

Der Angeklagte habe die Taten sorgfältig geplant und Stephanie fünf Wochen lang einem Martyrium ausgesetzt, das kurz nach der Entführung begonnen habe. Unter massiven Drohungen und ohne Rücksicht auf die Interessen des Kindes habe er täglich „massivste und erniedrigende Handlungen“ ausgeführt.

Besonders verwerflich sei, dass er keine Kondome benutzte. Damit habe er sein Opfer nicht nur der Gefahr einer Krankheit, sondern auch einer Schwangerschaft ausgesetzt, sagte der Richter. Der vorbestrafte Sexualtäter nahm das Urteil gelassen auf. Sein Verteidiger Andreas Boine will die Überlegungsfrist von einer Woche nutzen. Nach dem Gesetz können Täter nach der Haft in Sicherungsverwahrung genommen werden, wenn sie „infolge eines Hanges zu erheblichen Straftaten“ gefährlich für die Allgemeinheit sind. Die Anordnung wird nach Verbüßung der Haftstrafe und danach alle zwei Jahre geprüft.

„Das Vorgehen der Staatsanwaltschaft ist nicht zu beanstanden“, ging der Richter auf Kritik der Nebenklage ein, dass Stephanie nicht noch einmal gehört wurde. Es sei allgemeine Praxis zum Schutz der Opfer, Kindern eine Vernehmung zu ersparen, wenn ein Geständnis und ausreichende Beweise vorlägen. „Die Beamten haben mit großem Engagement recherchiert und hohem personellem Einsatz gearbeitet“, widersprach er Vorwürfen gegen die Polizei.

Einer der juristischen Berater der Familie Stephanies, Thomas Kämmer, erneuerte am Nachmittag mit Verweis auf Ermittlungspannen Forderungen nach Schadenersatz an den Freistaat wegen „struktureller und persönlicher Pflichtverletzungen“. Nach Angaben von Justizminister Geert Mackenroth und Innenminister Albrecht Buttolo (beide CDU) ist die Landesregierung nach wie vor offen für Gespräche. Sachsen sei weiter bereit, sich aus humanitären Gründen an Stephanies Therapiekosten zu beteiligen. Der Freistaat lasse sich aber nicht unter Druck setzen. Im Interesse des Mädchens werde eine „zeitnahe Regelung“ angestrebt, damit Stephanie eine wirkungsvolle Trauma-Therapie bekomme, sagte Justizministeriumssprecher Martin Marx.

Unterdessen hat der Dresdner Jugendamtsleiter Claus Lippmann laut „Sächsischer Zeitung“ den Berufsverband deutscher Psychologen (BdP) um Prüfung gebeten. „Es ist unsere Pflicht, Kindeswohl-Gefährdungen zu erkennen“. Therapie-Angebote der Behörde nach Stephanies Medienauftritten seien von der Familie abgelehnt worden. „Wir können doch nicht tatenlos zusehen“, sagte Lippmann. Die Psychologin Angelika Schrodt hatte die Medienauftritte des Mädchens als sinnvollen Teil der Aufarbeitung der Geschehnisse verteidigt.