Im weltweit ersten Prozess um die Terroranschläge vom 11. September 2001 hat das Hamburger Oberlandesgericht am Mittwoch den 28 Jahre alten Mounir El Motassadeq zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der Vorsitzende Richter Albrecht Mentz sprach den Marokkaner wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 3000 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung schuldig. Das Gericht verhängte damit die von der Staatsanwaltschaft geforderte Höchststrafe. El Motassadeqs Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert.

Der Vorsitzende Mentz sagte in der Urteilsbegründung, in den Jahren vor den Terrorangriffen habe sich in Hamburg ein Kern von sechs Personen herausgeschält, "die die USA und Israel als ständigen Stachel im Fleisch empfunden haben". Der Angeklagte sei von Anfang an dabei gewesen. Ihm seien die wesentlichen Umstände der Tat bekannt gewesen, und er habe sie gebilligt. "Sie wollten die politische und wirtschaftliche Macht vor aller Welt treffen und als ohnmächtig darstellen."

Der mit einer hellen Hose, einem gestreiften Pullover und einem hellen Hemd bekleidete Angeklagte nahm das Urteil äußerlich gefasst auf. Während der Urteilsbegründung flüsterte er hin und wieder mit seinen Verteidigern, die links und rechts von ihm Platz genommen hatten. Motassadeq schüttelte den Kopf, als der Richter begründete, warum das Gericht den Entlastungszeugen keinen Glauben geschenkt habe. Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht, wenn Mentz von den belastenden Aussagen sprach.
Die drei Anklagevertreter um Bundesanwalt Walter Hemberger hatten El Motassadeq als "ein Rädchen im Getriebe" der Terrorzelle bezeichnet. "Er kannte die Grundzüge der Tat, die auf die Tötung möglichst vieler Menschen abzielten", hatten sie in ihrem Plädoyer gesagt.

Die Verteidiger Hans Leistritz und Hartmut Jacobi hatten dagegen von "Vermutungen, Behauptungen und Interpretationen" gesprochen und einen Freispruch verlangt. Nach ihrer Darstellung wurde im Gericht in den vergangenen Monaten oft aneinander vorbeigeredet. "Der Gegensatz der Aussagen arabischer und deutscher Zeugen zeigte: Da prallen kulturelle Gegensätze aufeinander", meinte Leistritz.

El Motassadeq hatte jede Schuld an den Anschlägen bestritten und in seinem Schlusswort gesagt: "Im Prozess war die schwerste Stunde für mich das Erscheinen der (Hinterbliebenen der US-Terroropfer) als Nebenkläger und ihre Berichte. Sie haben mich angesehen, als ob ich verantwortlich bin, für das was sie erlitten haben, und ich konnte ihnen nicht sagen, dass ich unschuldig bin an ihrem Leid."

SPD-Generalsekretär Olaf Scholz wertete das Urteil als wichtiges Signal, vor allem für die vielen Menschen, die bei den Terroranschlägen Angehörige, Freunde und Kollegen verloren. "Das Urteil ist deutlich. Der Rechtsstaat ist stark", sagte Scholz.

Nach der Urteilsverkündung kündigten die Verteidiger an, Revision einzulegen. Sowohl der Schuldspruch als auch die Strafzumessung seien nicht zu akzeptieren, sagte Anwalt Hartmut Jacobi im Anschluss an die Verhandlung. Es sei kein fairer Prozess gewesen und die Beweisführung "abenteuerlich".

Anwalt Hans Leistritz erklärte: "Das, was wir heute vom Senat gehört haben, ist für uns nicht schlüssig". Konkrete Revisionsgründe wollten die Anwälte zunächst nicht nennen. Man müsse erst das schriftliche Urteil abwarten. Sein Mandat habe mit Unverständnis auf den Schuldspruch reagiert, sagte Jacobi.

Hintergrund: Die Mitglieder der Terrorzelle um Mohammed Atta

Zwei Tage nach den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA führten Spuren nach Hamburg. Drei der vier in den USA entführten Flugzeuge wurden von Terroristen gelenkt, die in Hamburg ein unauffälliges Leben als so genannte Schläfer geführt hatten: Mohammed Atta, Marwan Alshehhi und Ziad Jarrah. Um Atta, den mutmaßlichen Kopf der Entführer hatte sich nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft eine Terrorzelle gebildet, die an Planung und Ausführung der Terroranschläge beteiligt war.
Die mutmaßlichen Mitglieder der Gruppe um Atta:

- Mounir El Motassadeq (28), Student aus Marokko, war mit den Todespiloten befreundet. Er wohnte mit Frau und Kind in der Nachbarschaft der Atta-Gruppe. Motassadeq war Anfang der 90er Jahre nach Hamburg gekommen, studierte in Harburg Elektrotechnik und war Mitglied in Attas Islam AG. Er wurde am 28. November 2001 verhaftet. Laut Anklage verwaltete er in Hamburg ein Girokonto von Al Shehhi. Seit dem 22. Oktober muss er sich wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum Mord in mindestens 3045 Fällen vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht verantworten.

- Mohammed Atta, geboren am 1. September 1968 in Ägypten, gilt als Kopf der Hamburger Terrorzelle. Er steuerte nach Erkenntnissen der Ermittler ein Passagierflugzeug in den Nordturm des World Trade Center (WTC) in New York. Er kam 1992 nach Deutschland, studierte Stadtplanung an der Technischen Universität Hamburg-Harburg und gründete dort eine Islam-AG. Vermutlich 1999 hielt er sich in einem afghanischen Ausbildungslager auf. In die Harburger Marienstraße 54 zog Atta im November 1998 zusammen mit Bahaji und Binalshib ein.

- Marwan Alshehhi, geboren am 9. Mai 1978 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, war vermutlich Pilot der Maschine, die den Südturm des WTC traf. Er kam 1996 mit einem Militärstipendium nach Deutschland, war möglicherweise 1999 bei der Organisation El Kaida in Kandahar und nahm von 2000 an zusammen mit Atta in den USA Flugunterricht.

- Ziad Jarrah, geboren am 11. Mai 1975 im Libanon, war vermutlich Pilot der bei Pittsburgh abgestürzten Maschine. Der Libanese begann 1996 in Greifswald einen Sprachkurs und studierte in Hamburg Flugzeugbau, machte ebenfalls in Florida (USA) eine Flugausbildung.

- Ramzi Binalshibh, geboren am 1.5. 1972 im Jemen, wurde am 11. September 2002 im Karatschi (Pakistan) festgenommen. Er gilt als Organisator, "Bankier" der Gruppe und einer der engsten Vertrauten Attas. Der 1995 nach Deutschland eingereiste Jemenit gab sich als Asylbewerber aus. Er wohnte mit Atta und Bahaji in Harburg. Laut Bundesanwaltschaft war er seit 1999 in die Planung der Anschläge eingebunden. Er wollte sich vermutlich als Kamikazeflieger an den Anschlägen beteiligen, bekam aber kein Einreisevisum für die USA.

- Said Bahaji, geboren am 15.07.1975 in Haselünne (Niedersachsen), gilt als Cheflogistiker der Gruppe und soll seit 1999 die Anschläge mit geplant haben. Der Sohn einer Deutschen und eines Marokkaners studierte in Harburg Elektrotechnik. Er verschwand kurz vor den Attentaten. Seitdem wird er mit internationalen Haftbefehl wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, des mehrtausendfachen Mordes gesucht.

- Zakariya Essabar, geboren am 3.4. 1977 in Marokko, kam 1997 nach Deutschland, besuchte in Köthen (Sachsen-Anhalt) eine Fachhochschule und studierte seit 1998 in Hamburg Medizintechnik. Zwei Anträge auf ein Visum für die USA wurden Ende 2000 und Anfang 2001 abgelehnt. Er war möglicherweise als Ersatzpilot für Binalshibh vorgesehen. Er ist seit August 2001 verschwunden und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

- Der Deutsch-Syrer Mohammed Haidar Zammar gilt als Statthalter Bin Ladens in Hamburg. Er soll Atta und Komplizen in Hamburg für El Kaida rekrutiert haben. Der eingebürgerte Syrer lebte als Kfz-Schlosser in Hamburg-Alsterdorf und war oft Gast in der Marienstraße. Der Verfassungsschutz beobachtete ihn seit 1999 wegen Verbindungen zu dem in Bayern verhafteten Bin-Laden-Finanzchef Manduh Mahmud Salim. Nach den Anschlägen in Hamburg von der "SoKo USA" verhört. Wenig später beantragte er einen Pass und verschwand Richtung Marokko. Im Juni 2002 wurde er festgenommen und nach Syrien gebracht.