Mehr als 100 000 Menschen setzen mit einer 120 Kilometer langen Menschenkette zwischen den Pannenreaktoren Krümmel und Brunsbüttel in Schleswig-Holstein ein unübersehbares Ausrufezeichen im Kampf gegen einen Ausstieg aus dem Ausstieg. Und schon kurz nach der Aktion kündigen sie weiteren Protest an. Aus allen Schichten der Gesellschaft kommen sie. Bauern mit Traktoren, Familien auf Fahrrädern und fantasievoll verkleidete Frauen und Männer - Zehntausende ziehen durch Norddeutschland. Es ist einen Tag vor dem 24. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und zwei Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Nach der Wahl, so die Befürchtung, wird über die umstrittene Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke entschieden. Union und FDP planen, eventuell das letzte Atomkraftwerk erst 2050 vom Netz zu nehmen. Die Pläne geben der Bewegung neuen Zulauf. Auch vor Biblis A in Hessen, dem ältesten noch laufenden Meiler, demonstrieren 10 000 Menschen. Einige Tausend sind vor dem Atommüllzwischenlager Ahaus in Nordrhein-Westfalen. Zwei aktuelle Symbole des Energiestreits bilden die Endpunkte der Menschenkette im Norden, einer der größten Protestveranstaltungen gegen die Atomenergie der vergangenen Jahrzehnte: die Kraftwerke Brunsbüttel und Krümmel, die seit einer Pannenserie im Sommer 2007 fast ununterbrochen abgeschaltet sind. Es herrscht eine Atmosphäre wie bei einem Volksfest. Musikgruppen machen Stimmung, es wird gegrillt, Kaffee getrunken, Picknick gemacht. In Brunsbüttel gleiten Fallschirmspringer durch die Frühlingsluft und lassen das traditionelle Banner der Anti-AKW-Bewegung flattern: die Atomkraft-Nein-Danke-Sonne auf gelbem Grund. Dabei reihen sich auch viele Leute in die friedliche Menschenkette ein. Raphael Möller aus Kiel sagt: "Obwohl die Schrottreaktoren in Krümmel und Brunsbüttel schon seit Jahren still stehen, kommt bei mir noch immer Strom aus der Steckdose." Georg und Viola Möller haben ihre beiden Kleinkinder zur Kette in Hamburg mitgebracht. "Das ist eine Demonstrationsform, die ich den Kindern zumuten kann und auch eine Forderung, die ich den Kindern zumuten kann, nämlich: Abschalten! Und einschalten, was das Gehirn angeht", sagt Georg Möller. Auch Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir macht in Hamburg mit.In Elmshorn warnt SPD-Chef Sigmar Gabriel vor negativen Folgen einer Laufzeitverlängerung für die inzwischen 300 000 Arbeitsplätze in der Branche der erneuerbaren Energien. Zusammen mit Ex-Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) gliedert er sich in die Kette ein und beschwört vergangene rot-grüne Zeiten.