Die Feuerwehr hat Potsdam zur Filmstadt gemacht. Die Stummfilm-Aufnahmen mit heißen Scheinwerfern, leicht entflammbaren Kulissen und Zelluloid in Berliner Dachgeschossateliers waren den Brandschützern Anfang des 20. Jahrhunderts zu gefährlich geworden. Die Filmleute mussten sich neue Orte suchen. Die Wahl fiel auf Babelsberg bei Potsdam vor den Toren Berlins. Am 3. November 1911 wurde die Baugenehmigung erteilt.

Damit begann vor 100 Jahren in einer ehemaligen Kunstblumenfabrik die Geschichte des ersten Großfilmstudios der Welt und des bis heute größten Filmstudios in Deutschland. Hier wurden Klassiker wie „Dr. Mabuse“, „Metropolis“ und „Der blaue Engel“ gedreht.

Auch in der Lausitz entstanden mit dem Studio Babelsberg bekannte Filme: Das mit Jude Law topbesetzte Kriegsdrama „Duell – Enemy at the Gates“ fand in den stillgelegten Braunkohletagebauen Greifenhain und Gräbendorf die passende Kulisse. In Görlitz wurde 2008 der „Vorleser“ mit Kate Winslet oder 2003 der Jules-Verne-Klassiker „In 80 Tagen um die Welt“ gedreht.

Mehr als 3000 Filme entstehen

Mehr als 3000 Filme entstanden insgesamt in den Babelsberger Studios, wo die Filmproduktion nur ein paar Monate später als in Hollywood begann. Das Potsdamer Filmmuseum dokumentiert die 100-jährige Geschichte der Studios ab diesem Freitag in einer neuen Dauerausstellung. Unter dem Titel „Traumfabrik“ werden mehr als 1000 Fotos und 500 Exponate gezeigt, rund 350 Filmausschnitte vorgestellt, Geschichten von 200 Stars erzählt und Requisiten aus verschiedenen Filmen präsentiert. Zu sehen sind die Totenmaske von Asta Nielsen, ein Toupet von Hans Albers, Fanbriefe an Zarah Leander, der Fälscherkoffer aus dem Sachsenhausen-Film „Die Fälscher“ von 2007 und ein Kostüm von Diane Kruger aus dem Tarantino-Streifen „Inglourious Basterds“ von 2009.

Am 12. Februar 1912 fiel in Babelsberg die Klappe für den ersten Film – „Der Totentanz“ mit Stummfilmstar Asta Nielsen. Doch schon bald reichte das 300 Quadratmeter große erste Atelier nicht mehr aus: Babelsberg expandiert.

1921 übernimmt die Universum Film AG (Ufa) die Studios. 1926 wird für den Science-Fiction-Film „Metropolis“ von Fritz Lang ein Großatelier gebaut, 1929 für den ersten deutschen Tonfilm „Melodie des Herzens“ ein Tonstudio eingerichtet. Stars wie Marlene Dietrich und Emil Jannings stehen vor der Kamera, auch Alfred Hitchcock sammelt in den 20er-Jahren Erfahrungen.

1927 kauft der deutschnationale Medienunternehmer und spätere NS-Wirtschaftsminister Alfred Hugenberg die Ufa. Anfang der 30er-Jahre kann auf dem Studiogelände gleichzeitig an acht Großproduktionen gearbeitet werden. Die Nazis nutzen die Studios für ihre Propaganda. In der NS-Zeit entstehen dort mehr als 1000 Filme, darunter Propagandastreifen wie „Jud Süߓ und Unterhaltungsfilme wie „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann.

Zwangsarbeiter als Statisten

Die Nazis setzen auch im Film Zwangsarbeiter ein, als Statisten oder beim Kulissenbau. Die Babelsberger Studios bekommen ein eigenes Lager für 600 Zwangsarbeiter. Und während draußen der Krieg Europa zerstört, werden in Babelsberg in schalldichten Räumen Kampfszenen für NS-Filme gedreht – bis in die letzten Kriegstage.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geht die Filmproduktion in Babelsberg unter sowjetischer Besatzung weiter, im Mai 1946 wird die Defa (Deutsche Film AG) gegründet. Erster deutscher Nachkriegsfilm wird Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ mit Hildegard Knef. In der DDR entstehen dort bis 1990 mehr als 1200 Spiel- und Fernsehfilme, darunter „Jakob der Lügner“ – der einzige DDR-Film mit Oscarnominierung.

1992 werden die Studios verkauft, 2005 als Aktiengesellschaft an die Börse gebracht. Die Regisseure Roman Polanski und Quentin Tarantino und Hollywood-Stars wie Tom Hanks, Susan Sarandon und Matt Damon haben in den vergangenen Jahren in Babelsberg Filme gedreht.

Zur Eröffnung der Ausstellung „Traumfabrik – 100 Jahre Film in Babelsberg“ am Donnerstagabend haben sich neben Kulturstaatsminister Bernd Neumann zahlreiche Prominente der Filmbranche angesagt, darunter die Regisseure Andreas Dresen und Volker Schlöndorff und Schauspieler wie David Kross, Axel Prahl, Michael Gwisdek, Jutta Hoffmann, Gojko Mitic, Katrin Sass und Nadja Uhl.