Im Kapuzinertheater der Hauptstadt wird gerade Carl Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" aufgeführt. Und auf dem Liebfrauenfriedhof werden mehr Besucher als in anderen Jahren erwartet. Denn dort ist die letzte Ruhestätte Voigts, der 1906 als preußischer Hauptmann verkleidet im Rathaus von Berlin-Köpenick den Bürgermeister verhaftete und die Stadtkasse mit 4000 Mark und 70 Pfennigen beschlagnahmte.

Autogrammkarten verkauft
Schon damals löste der Coup des gebürtigen Tilsiters als "Gaunerstückchen", "abenteuerlich-romantische Räubergeschichte" und "unerhörter Streich" in der Öffentlichkeit ein großes Echo aus. Voigt, damals bereits vorbestraft, wurde festgenommen und kam ins Gefängnis. Anschließend wanderte er nach Luxemburg aus, wo er von 1909 bis zu seinem Tod am 3. Januar 1922 lebte. Die "Köpenickiade" hat ihn zeitlebens begleitet. Auch wenn er in der Hauptstadt des Großherzogtums als Schuster und Kellner arbeitete, nutzte er seine Berühmtheit für Auftritte als Hauptmann im amerikanischen Zirkus "Barnum & Bailey". Wie der luxemburgische Hauptmann-Fan Marc Jeck in alten Unterlagen herausgefunden hat, verkaufte Voigt auch Autogrammkarten zu 30 Pfennig das Stück und ließ sich bereitwillig vor seiner Wohnung gegen Entgelt fotografieren.
"Jeder kannte Voigt damals, aber er gehörte niemals so richtig zur luxemburgischen Gesellschaft dazu", sagt Jeck, der in Luxemburg bei der Touristinformation arbeitet. Allem Anschein nach habe Voigt zunächst keine Geldprobleme gehabt. Bei seinem Tod sei er jedoch "völlig verarmt" gewesen. Die Kosten für die Beerdigung übernahm die Armenkasse, sein Grab erhielt zunächst keinen Grabstein.
Noch bei seinem Begräbnis spielte sich eine "wahre Köpenickiade" ab: Als der Trauerzug an einer französischen Truppeneinheit vorbeikam, soll jemand dem französischen Offizier erzählt haben, man trage den berühmten "Capitaine de Koepenick" zu Grabe, berichtet Jeck. Der Offizier habe angenommen, dass es sich um einen verdienstvollen Hauptmann des Luxemburger Freiwilligenkorps handelte und seinen Männern befohlen, gebührend Haltung anzunehmen und zu salutieren.
Das Grab von Voigt bekam erst 1961 eine Gedenktafel, als es der Zirkus Sarrasani für 15 Jahre erwarb. Auf der Grabinschrift war allerdings das falsche Geburtsdatum angegeben: 1850 statt 1849. "Der Irrtum fiel erst 15 Jahre später auf", erzählt Jeck. 1975 übernahm die Stadt die Grabkonzession.
Die Ruhestätte Voigts gehört in Luxemburg heute noch zu den Kuriosa. In einer Broschüre für Touristen wird es neben dem Großherzoglichen Palais, den Kasematten und dem neuen Museum für moderne Kunst genannt. "Als geführten Rundgang bieten wir aber nichts zum Hauptmann an", sagt der Verkehrsdirektor der Stadt Luxemburg, Roland Pinnel. Außer dem Grab sei nichts mehr erhalten: Auch das Haus, in dem Voigt gewohnt habe, sei inzwischen abgerissen.

Bessere Vermarktung
Friedhofswärter Edy Allard berichtet, dass es nach wie vor regelmäßig deutsche Schulklassen ans Grab von Voigt zieht. Auch einzelne Touristen kämen immer wieder. "Da aber nur das Grab da ist, schauen sie zehn Minuten, machen Fotos und gehen wieder", sagt er.
Jeck glaubt, dass Luxemburg aus dem "Hauptmann" mehr machen könnte. "Ursprünglich war sogar für dieses Jahr ein Köpenick-Festival geplant", erzählt er. Weil die "Köpenickiade" aber "ein krimineller Akt" gewesen sei, seien die Stadtväter wohl wieder von dem Plan abgerückt. Sogar eine Städtepartnerschaft zwischen Luxemburg-Stadt und Berlin-Köpenick sei mal im Gespräch gewesen. "Aber auch daraus ist leider nichts geworden", bedauert er.
Dafür wird aber in Berlin das Hauptmannsjahr gebührend gefeiert. Höhepunkt ist der 100. Jahrestag am 16. Oktober 2006, an dem mit einem historischen Marsch des Hauptmanns und seiner Garde vom Bahnhof Köpenick zum Rathaus an den Coup von Wilhelm Voigt erinnert wird.