Den Männern und Frauen, die an diesem sonnigen Novembermorgen in der Nidal-Straße im Stau stehen, bietet sich ein selbst für irakische Verhältnisse unglaubliches Bild. Männer mit modernen Waffen und Polizeiuniformen sperren mit rund 20 Fahrzeugen die breite Straße, an der die Zentrale der Kommunistischen Partei, mehrere Kliniken und das staatliche Institut für Kulturforschung liegen. Dann drängen sie auf einmal die Wächter des Institutes zur Seite, die kaum Widerstand leisten. Nacheinander durchkämmen die Angreifer alle Büros des vierstöckigen Gebäudes. Die Frauen sperren sie in einen Raum ein. Die Männer zwingen sie mit vorgehaltener Waffe zum Verlassen des Gebäudes. Unten auf der Straße, so berichten Augenzeugen, werden sie zusammengetrieben wie eine Herde Schafe. Die Entführungsopfer werden auf die verschiedenen Fahrzeuge verteilt und abtransportiert. Niemand hält sie auf. Immer noch ist kein amerikanischer Soldat zu sehen.
"Die ganze Aktion hat maximal eine halbe Stunde gedauert", erklärt ein Augenzeuge. Die Art und Weise, wie die Entführung ablief, lässt auch den Minister für Hochschulbildung, Abed Thejab al-Adschili, glauben, "dass dieser Überfall von langer Hand geplant worden ist". Und so manchem Iraker fällt es schwer zu glauben, dass nicht zumindest einige der Entführer aus den Reihen der Polizei stammen. Denn erst als der letzte Wagen der Kidnapper außer Sichtweite ist, tauchen die ersten Hundertschaften der Polizei auf. Auch Dutzende amerikanische und irakische Soldaten schwärmen jetzt aus.
Etwa zur gleichen Zeit tritt der verzweifelte Hochschulminister vor die Presse. Er will die Beamten, Studenten und Professoren, für die er sich verantwortlich fühlt, nicht mehr länger schutzlos den Terroristen ausliefern. "Wir müssen den Unterricht einstellen", erklärt er mit dem Tonfall eines Kommandeurs, der gerade schweren Herzens eine Kapitulationserklärung unterzeichnet hat.
Erbittert klagt er darüber, dass die Regierung seine Warnungen und seine Bitte um besseren Schutz der Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht ernst genommen habe - in den vergangenen Jahren haben ohnehin schon Zehntausende Akademiker dem Irak den Rücken gekehrt.
Den Einwohnern der irakischen Hauptstadt bleibt indes kaum Zeit, darüber nachzudenken, was eine vor übergehende Schließung der Universitäten für ihr Land bedeuten würde. Denn schon explodiert auf einem Bagdader Markt die nächste Autobombe.