Der 43-Jährige überlebte seinen Selbstmordversuch schwer verletzt und liegt nun stark bewacht in einer Klinik. „Den lassen wir keine Sekunde mehr aus den Augen“ , sagte Polizeipräsident Rolf Müller. Kolbig solle vernommen werden, sobald die Ärzte es zulassen. Am vergangenen Donnerstag soll der mutmaßliche Täter den Neunjährigen in der Straßenbahn der Linie 11 angesprochen, später sexuell missbraucht und erstickt haben. Bilder der Überwachungskamera zeigten die beiden zusammen in der Bahn sitzen.

Mitjas Eltern sind erleichtert
Mit dem Suizidversuch endete die Flucht des mehrfach vorbestraften Sexualstraftäters eine Woche nach dem Mord. Viele Bürger in Leipzig atmeten auf, als die Nachricht bekannt wurde. Auf einer Pressekonferenz der Polizei am Vormittag erklärte die Anwältin der Familie, Mitjas Eltern „seien sehr erleichtert, dass die Ungewissheit ein Ende habe“ . Die Festnahme des Mannes helfe ihnen, die schreckliche Tat aufzuarbeiten. Zurzeit sei die Familie bei Freunden untergebracht und werde von einem Seelsorger betreut. Die Eltern appellierten in der vorbereiteten Erklärung zugleich an die Journalisten, sie nicht aufzusuchen und den Jungen unter Ausschluss der Medien beerdigen zu können. Sie und ihre weiteren Kinder wollten in Ruhe in ihrem gewohnten Umfeld weiterleben können.
Er sei „gottfroh, dass die Sache jetzt beendet sei“ , betonte Polizeipräsident Müller. Die Festnahme sei vor allem dem wachsenden Fahndungsdruck der Beamten zu verdanken, die seit dem vergangenen Wochenende mit Hundertschaften ein eng abgestecktes Stadtgebiet durchkämmt hatten. Mit „Indianertaktik“ habe man den Mörder kreisend in Bewegung gehalten. Nachts wurde mit Lärm und Licht in Waldstücken verhindert, dass Kolbig zur Ruhe kommt. Die Zermürbungstaktik sei schließlich aufgegangen. „Er wusste nicht mehr weiter und hat die Flucht schließlich selbst beendet“ , sagte Müller.

Vor fahrende Straßenbahn gesprungen
Kolbig habe nahe der Haltestelle Paetzstraße am Gleisbett gehockt und sei gegen 0.45 Uhr direkt vor die fahrende Straßenbahn gesprungen. Der Fahrer habe sofort gewusst, dass er den gesuchten Mann angefahren habe. Bei Tempo 40 sei der Treibwagen trotz einer Vollbremsung aber noch etwa 15 Meter weitergerollt. Nach bisherigen Erkenntnissen sei der Gesuchte häufig Zickzack gelaufen und habe zuletzt noch versucht, sich seiner Wohnung zu nähern. Dort hielten sich allerdings zahlreiche Polizisten auf. Die Beamten bewachten seit Tagen fast jede Gaststätte und jeden Zigarettenautomaten in der Gegend, da Kolbig starker Raucher und Trinker war, bestätigte Müller.

Hunde immer wieder angeschlagen
Die Ermittler seien die meiste Zeit davon ausgegangen, dass sich Kolbig noch in der Gegend aufhalte. Täglich habe es an verschiedenen Stellen neue Spuren wie Kleidungsstücke, eine Jacke und Essensreste gegeben, Polizeihunde hätten immer wieder angeschlagen, Bürger gaben rund 200 neue Hinweise. „Es war nur eine Frage der Zeit“ , meinte Müller. Allerdings habe sich Kolbig in dem weitläufigen Stadtteil gut ausgekannt und sei ein „Outdoor-Mann“ , der sich viel draußen aufhalte. „Nur im Fernsehkrimi“ , so Polizeipräsident Rolf Müller, „werden Mörder schon nach einer Dreiviertelstunde gefasst.“
Rätselhaft blieben zunächst noch ein paar Knochenfunde in Kolbigs Garten. Derzeit werde noch untersucht, ob es sich um menschliche oder tierische Knochen handelt, sagte der Präsident der Polizeidirektion Westsachsen, Bernd Merbitz. Wo Mitja getötet worden ist, sei ebenfalls noch unklar.