Die Emdener Straße in Berlin-Moabit, vier Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt, hat ihren ganz eigenen Charme. Auf den Bürgersteigen liegen Hundehaufen, die Wände sind mit Graffiti beschmiert, neben einer Kita hat sich ein Billigkasino niedergelassen. So sieht es aus in der nach Ansicht des "Netzwerks Nachbarschaft" schönsten Straße Deutschlands.

"Früher war das die Verbrecherstraße Nummer eins, jeden Tag kamen Polizei und Feuerwehr", erzählt Lothar Perlick im Berliner Dialekt. "Das ist jetzt besser geworden." Seit mehr als 40 Jahren wohnt der Mann mit den Silberohrringen und der roten Brille schon dort - wie lange genau, das weiß er selbst nicht mehr.

Moabit war lange Zeit ein Arbeiterviertel, doch heute wohnen Akademiker neben Minijobbern, Deutsche neben Türken, Rentner neben Studenten. Im ewigen Wettstreit um den hippsten Bezirk Berlins steht Moabit so gut da wie nie. Die ersten Läden mit veganem Milch-Kaffee haben schon eröffnet.

Insgesamt 115 Bewerber konkurrierten um die erstmals vergebene, mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung als schönste Straße. Die Emdener Straße - die, benannt nach der Stadt in Niedersachsen, korrekt Emder Straße heißen müsste - setzte sich als einer von zehn Bundessiegern durch. "Uns ging es nicht um geschmückte Fassaden oder Grünanlagen", sagt Erdtrud Mühlens, die den Wettbewerb ins Leben rief. In Moabit sei es gelungen, ein "multikulturelles Miteinander zu organisieren", erzählt die Geschäftsführerin einer Hamburger PR-Agentur. Wo früher die Kinder aus Angst vor Übergriffen nicht auf die Straße durften, werde heute gemeinsam gelacht.

Anders als etwa bei der Aktion "Gemeinsam aufblühen", dem städtischen Ableger von "Unser Dorf soll schöner werden", geht es bei dem Straßenranking nicht darum, das Image der Stadt oder den Tourismus zu fördern. Mühlens' Ziel ist es, nachbarschaftliches Engagement zu honorieren. "Soziale Kompetenz und Eigeninitiative sind uns ganz wichtig."

Wer die schönste Straße Deutschlands betritt, blickt darum nicht auf einen prächtigen Boulevard. Sicher, große Bäume säumen die Emdener Straße. Hier und da sind die Reste eines Blumenbeets zu sehen. Aber auf den grauen Gehwegplatten liegen auch ein alter Pullover und leere Plastiktüten.

Einen Block weiter steht Alexander Kujus und stochert in einem Lagerfeuer. Der 54-Jährige hilft auf einem Winterbasar aus - mal wieder im Einsatz für die Nachbarschaft. Mit den Einnahmen wird ein Schulgarten finanziert.

Im Frühjahr hatte Kujus mit dem "Verein Moabit" dafür gesorgt, dass 100 Anwohner einen Tag lang gemeinsam buddelten und malten und fegten. Eine Floristin spendete 1000 Blumen für die Aktion, selbst die Spielhalle gab ein bisschen Geld dazu. Am Ende waren die Stromkästen bunt und die Baumscheiben bepflanzt.