Sein Vater tingelte als Amateurmusiker in der Niederlausitz über die Tanzsäle. Nicht selten nahm er seinen Sohn Steffen mit zu den Auftritten. Der begann als Achtjähriger selbst zu musizieren, entschied sich recht früh für die Posaune. Bis heute begleitet ihn dieses Instrument durch sein Leben.

Dass er als Lauchhammeraner Kind mehrmals wöchentlich an die Finsterwalder Musikschule zum Unterricht fuhr, hatte verkehrstechnische praktische Gründe. Rückblickend sieht er es als Glücksfall. „Siegfried Fritsche war mein Lehrer. Einen besseren hätte ich mir nicht wünschen können. Er hat uns sehr gefordert“, sagt der inzwischen 34-Jährige. Fritsche hatte in den 90er-Jahren das Posaunen-Quartett bis zum Bundesfinale von „Jugend musiziert“ geführt. Bis heute halten beide den Kontakt. Am Rande des Benefizkonzertes in der Trinitatiskirche vor wenigen Tagen riefen sie sich ein herzliches „Wir sehen uns!“ zu.

Für Steffen Reichert waren die Musikschuljahre entscheidend für die Berufswahl. Nach dem Abitur 1997 hat er die Feldwebellaufbahn für den Militärmusikdienst bei der Bundeswehr eingeschlagen.

Das Studium an der zivilen Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf schloss er als Diplomorchestermusiker ab. Seit 2001 spielt Reichert im Luftwaffenmusikkorps 4 in Berlin. „Mein Wunscheinsatzort“, sagt er. Der Tagesablauf der Militärmusiker richtet sich streng nach Dienstplan. „Unser Standort ist die General-Steinhoff-Kaserne in Berlin. Dort treffen wir uns täglich – zur Probe oder zu Einsätzen. Und wir haben immer die Uniform an, auch wenn wir proben“, beschreibt der Posaunist. Befehlston aber herrsche zwischen den 50 Musikern und Orchesterleiter Oberstleutnant Christian Blüggel nicht.

Im Dienstplan stehen Weiterbildung, Sport und zwei Mal im Jahr ein Gepäckmarsch. „Wir haben auch alle die Sanitäterausbildung“, beugt Steffen Reichert Annahmen vor, dass die Musiker bei der Bundeswehr ein leichtes Leben haben. Dass alle im Orchester den körperlichen Anforderungen jederzeit standhalten, obliegt übrigens Sportfeldwebel Steffen Reichert.

Etwa zu 150 Einsätzen im Jahr wird das Luftwaffenmusikkorps beordert. Nicht immer mit Mann und Maus, auch mal in kleinerer Besetzung. Die Anlässe sind meist militärischer Natur wie Vereidigungen oder Kommandoübergaben. Protokolltermine für die Regierung kommen nur gelegentlich vor. Die übernimmt in erster Linie das Stabsmusikkorps aus Berlin. „Wir haben aber auch schon bei der Bundeskanzlerin zu Staatsbesuchen gespielt“, erzählt Steffen Reichert. Im Oktober war das Orchester im Kosovo. Andere Orchesterreisen führten nach Kanada, Schweden und Frankreich. 2012 ist die Teilnahme an der Militärmusikschau in Berlin geplant.

Dass gerade ihr Orchester als eines von fünf der Bundeswehr-Reform zum Opfer fällt und 2013/14 aufgelöst wird, schmerzt Steffen Reichert. Mitgeteilt wurde ihnen das Ende Oktober per Fax. Gern würde er seinen Dienst weiter in Berlin versehen. Auch weil er dort mit seiner Freundin lebt. Außerhalb der Kaserne ist er längst in Vaters Fußstapfen getreten und spielt Tanzmusik mit der eigenen Band „Meet me on Sunday“, der Big swinging group oder dem Sinfonic Poporchester. Die Schwarzheider Musikanten und deren Dixieland-Truppe „Die lustigen Sechs“ verstärkt er gelegentlich.

Und Heiligabend war er in den vergangenen 20 Jahren beim traditionellen Weihnachtsblasen im kleinen Finsterwalder Ortsteil Pechhütte immer dabei. „Einmal habe ich vielleicht gefehlt“, überlegt er. Spätestens dort trifft er alljährlich seinen einstigen Musikschullehrer Siegfried Fritsche wieder.