Wie er da sitzt auf dem Sofa hinter den Kulissen der "Lindenstraße", wirkt er so entspannt, als habe er alle Zeit der Welt: Filzpantoffeln, blaues Schaltuch und natürlich die obligatorische schwarze Strickmütze. Doch wenn Hans W. Geißendörfer erzählt, wird schnell klar: Er ist rastlos und voller Tatendrang.

Erst kürzlich war er in Barcelona, wo die jüngste seiner drei Töchter an einem Marathon teilgenommen hat. Zusammen mit seiner Frau will er bald zum dritten Mal in den Oman reisen - "die Wüste fasziniert uns". Er pendelt zwischen seinen drei Wohnsitzen in Griechenland, Köln und England, wo das Ehepaar sich einen alten Pub am Kanal zum Wohnhaus umgebaut hat. Darum hat sich hauptsächlich seine Frau gekümmert, mit der er seit 1978 verheiratet ist.

Seine Arbeit, das Filmemachen, ist zugleich seine größte Leidenschaft. Der gebürtige Augsburger plant gerade einen neuen Fernsehfilm, ein Kinofilm ist in Vorbereitung, und er kann sich auch vorstellen, einen zweiten "Tatort" zu machen.

Und dann natürlich seine "Lindenstraße". Auch nach mehr als 30 Jahren ist die ARD-Serie seiner Ansicht nach nicht auserzählt. "Früher hatte ich mal eine Zeit, da dachte ich, es gibt keine Themen mehr, es ist alles schon einmal vorgekommen. Aber dann habe ich kapiert, dass die Wiederholung der Alltag ist, den die ,Lindenstraße' ja zeigen will. Deshalb kann man immer wieder Geschichten erzählen, die an der Oberfläche neu sind, aber dasselbe Grundthema haben."

Tabubrüche wie der erste Schwulen-Kuss, mit dem die "Lindenstraße" einst für Aufruhr gesorgt hatte, seien angesichts der vielen Reality-Formate heute zwar kaum noch möglich. Geblieben ist aber die Mission, aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse zu thematisieren und dadurch vielleicht auch zu provozieren.

Was die Inhalte in der "Lindenstraße" anbelangt, ist Geißendörfers Meinung weiterhin tonangebend - auch, wenn seine Tochter Hana Anfang vergangenen Jahres als Produzentin miteingestiegen ist und der Meister selbst nur noch selten bei den Dreharbeiten auftaucht.

WDR-Intendant Tom Buhrow schätzt Geißendörfer als einen Mann "mit Kante, streitlustig, visionär, leidenschaftlich". Mit der "Lindenstraße" habe er längst Fernsehgeschichte geschrieben. Ob die Kultserie über 2016 hinaus verlängert wird, ist nach Angaben einer WDR-Sprecherin allerdings noch nicht entschieden.