Wenn sich das große Tor am Dorfeingang Punkt 9 Uhr öffnet und der Bus mit der Aufschrift „Kaspricks Mobilmarkt“ langsam auf die Straße schiebt, dann haben Bernd und Viola Kasprick schon ihre erste Schicht hinter sich. Lieferanten haben sie zum Teil schon im Morgengrauen mit frischer Ware beliefert, die Regale in ihrem Supermarkt auf Rädern sind aufgefüllt – und die ersten Kunden waren schon da. So wie diesmal Wilfried Thieme und seine Tochter Cornelia Strey. Sie holen Torten für eine große Familienfeier ab. „Ab 8.30 Uhr öffnen wir hier für die Mehßower, dann geht die Tour weiter ins Dorf“, erklärt Viola Kasprick.

Bernd Kasprick ist in seinen weißen Kittel geschlüpft und sitzt nun hinter dem Lenkrad. In Mehßow an der Gaststätte ist der erste Halt an diesem Tag. Selli Röming ist so pünktlich wie der Bus zur Stelle. Sie gehört zu den Stammkunden, die genau wissen, wann der Mobilmarkt an ihrer Haltestelle stoppt. „In der Wendezeit hatten wir die Idee“, erzählt Viola Kasprick. „Ich wollte mich beruflich verändern, wollte nicht mehr für andere arbeiten“, sagt Bernd Kasprick, gelernter Elektro-Monteur. Er kommt aus einer Gastwirtsfamilie, und so lag ihm der Handel nahe. Wer selbst auf dem Dorf lebte, merkte, dass es immer weniger Einkaufsmöglichkeiten besonders für die Älteren gab. Dachten Kaspricks zunächst an einen Verkaufswagen, so tauschten sie auf einer Messe Erfahrungen aus und entschieden sich für einen Bus, den sie von Cottbuser Kraftverkehr kauften und zum Supermarkt umbauten. „Die Leute können einsteigen und selbst aussuchen, was sie kaufen wollen – eben genauso wie in einem Laden“, erklärt Viola Kasprick den Vorteil. Sie begleitet diesmal ihren Mann auf der Tour. „Eigentlich ist er allein unterwegs, doch um den Kundenkontakt zu pflegen, fahre ich manchmal mit“, erklärt die 51-Jährige. Sie ist es ja auch, die am Telefon Bestellungen entgegennimmt. So wissen die Kunden beim nächsten Mal, mit wem sie sprechen. Wenn alle Stränge reißen und ihr Mann mal nicht fahren kann, dann liefert sie mit dem Pkw die wichtigsten Waren aus.

Von Groß Mehßow aus geht die Tour diesmal weiter nach Bathow. Das Hupen ist nicht zu überhören in dem Dörfchen. Bernd Kasprick hält an, öffnet die Bustür, legt ein Trittbrett raus und wartet. Er schaut in den sonnigen Herbsttag, doch nur die Vögel zwitschern. Die beiden Kunden, die er hier sonst bedient, sind wohl nicht da. Die Tür geht wieder zu und die Tour weiter. „Ich komme dorthin, wo der Kunde es wünscht – auch für einen einzelnen“, erklärt der 52-Jährige.

Zinnitz heißt die nächste Station. Dort steht schon ein Bäckerwagen, doch Klaus Bachmann eilt auf den Bus zu. „Ich hole mir hier immer meine Zeitung“, erzählt der ehemalige Gastwirt. Sein Haus an der Hauptstraße ist schon lange geschlossen. Bei Bernd Kasprick kauft er gern ein. „Er ist freundlich und hat alles, was man braucht“, sagt der Zinnitzer. Reinhard Recnicak durchforstet am zweiten Haltepunkt die Zeitschriftenauslage. „Meine Frau ist krank, ich habe kein Auto“, erklärt er und schaut sich nach den Sachen um, die auf seinem Zettel stehen. Ohne Zettel kommt Johanna Laurisch. Sie weiß genau, was sie will. „Ich kaufe hier alles ein. Bis jetzt habe ich immer bekommen, was ich brauche“, sagt die Zinnitzerin. Bernd Kasprick hilft bei der Auswahl eines Kohlkopfes, packt beim Kassieren gleich die Waren in den Korb der Kundin. Stammkunden zücken ihr Bonuskärtchen, mit dem der Händler die Treue belohnt. Zu ihnen gehört auch Elfriede Schulze in Schlabendorf, der ersten Station hinter der Kreisgrenze OSL. Am Nachmittag wird der Mobilmarkt in Luckau sein. „Über 300 Kilometer fahre ich jede Woche“, schätzt der Händler ein. Nicht nur rund um Calau, auch im Spreewald, in Richtung Finsterwalde und Kolkwitz ist er unterwegs. Montag und Mittwoch hält er sich frei. Dann sitzt er schon mal am Computer und bereitet Handzettel mit Rezeptideen oder den neuen Kalender mit Mehßow-Bildern vor – als Dank für seine Kunden, die ihm auch schon Karten aus dem Urlaub oder kleine Gedichte geschrieben haben.

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