"Die Ungewissheit und das Gefühl der Hilflosigkeit waren einfach schrecklich", sagt Luis Nahuelhual. Der gebürtige Chilene, der seit 33 Jahren in Cottbus zuhause ist, hat Verwandte in dem Küstenort Dichato, der nur knapp 40 Kilometer vom Epizentrum des schweren Erdbebens vom 27. Februar entfernt liegt. Mehr als vier Wochen nach der Naturkatastophe ist dem 57-Jährigen die Erschütterung noch deutlich anzumerken, wenn er über die Ereignisse spricht, die auch seiner Familie Leid brachten. Über zwei Wochen hat es gedauert, bis Luis Nahuelhual Kontakt zu seiner Schwester Zoila aufnehmen konnte, die mit ihrem Mann, ihren Kindern und Enkelkindern in Dichato lebt. Zwei Wochen der quälenden Ungewissheit und der fieberhaften Suche nach Informationen zur Situation im chilenischen Erdbebengebiet. "Wir wussten gar nichts. Die Telefonverbindung war abgerissen. Die Antennen waren zerstört. Weder Handys noch das Internet funktionierten", erinnert sich Luis Nahuelhual. Mit Landsleuten in Cottbus und Verwandten im Ausland habe er sich ausgetauscht, um sich so gemeinsam ein Bild der Lage in Chile nach der Katastrophe machen zu können. "Es gab Bilder des argentinischen Fernsehens, die zeigten, wie schwer Dichato von dem Erdbeben und den fünf Flutwellen, die auf die Erdstöße folgten, betroffen war. Zwischen 80 und 85 Prozent der Gebäude sind zerstört." Die Angst um seine Angehörigen sei gewachsen, bis schließlich - über zwei Wochen nach der Katastrophe - eine Telefonleitung gestanden habe. "Zum Glück haben alle meine Verwandten überlebt, weil sie sich in höher gelegenes Gelände retten konnten. Mein Bruder, der in Brasilien lebt und zum Zeitpunkt des Bebens in Dichato zu Besuch war, stand so unter Schock, dass er wie gelähmt war. Im letzten Moment konnte er vor einer Flutwelle in Sicherheit gebracht werden", berichtet Luis Nahuelhual. Nach der ersten Erleichtung sei aber der Schrecken zurückgekehrt. Zwar sei das Haus seiner Schwester von den Wassermassen verschont worden, dennoch habe die Familie es verlassen müssen. Das Militär habe die zerstörte Stadt abgeriegelt, um Plünderer fernzuhalten. "Mein Neffe hat seine Bäckerei, seinen neu angeschafften Lieferwagen und damit seine Lebensgrundlage verloren. Die Bank hat ihm mitgeteilt, dass die Raten für den Kredit für zwei Monate ausgesetzt würden, danach seien sie fällig. Wenn er nicht zahlt, droht die Bank mit Gefängnis. Aber wie soll der Junge das jetzt schaffen?", fragt sich der Cottbuser Exilchilene voller Sorge. Seine Verwandten kampierten seit dem Erdbeben in einem Zeltlager in den Bergen. "Dort fehlt es an vielem, an Lebensmitteln, Decken, Matratzen", weiß er. Das schlimmste sei allerdings die Angst vor einem neuen Beben, das Experten für wahrscheinlich halten. "Viele der Menschen wollen gar nicht mehr dorthin zurück, wo sie vor dem Unglück gelebt haben. Aber wo sollen sie hin?", sagt Luis Nahuelhual. Was in Chile aber trotz allem funktioniere, sei die Solidarität unter den Menschen. "Es gibt dort immer eine große Hilfsbereitschaft, auch jetzt wieder", freut sich der Cottbuser. Diese Solidarität habe jetzt auch die Chilenen in Cottbus wieder enger zusammengeführt, erzählt Luis Nahuelhual. Gemeinsam wollen die Wahllausitzer etwas für ihre notleidenden Landsleute tun. "Wir haben uns getroffen und gefragt, wer die Hilfe am nötigsten hätte, und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir Kindern helfen wollen. So ist die Idee entstanden, Geld für den Bau oder die Rekonstruktion einer Schule zu sammeln", sagt er. Für diesen guten Zweck hofften er und seine Landsleute in Cottbus nun, auch ihre Mitbürger gewinnen zu können. Die erste Aktion, die die Cottbuser Chilenen auf die Beine gestellt haben, ist ein Benefizkonzert. "Am 17. April werden im Quasimono verschiedene Bands aus Cottbus und der Region spielen, die uns unterstützen wollen", kündigt die gebürtige Chilenin Carmen Gennermann an. An dem Abend würden auch Spezialitäten und Cocktails aus ihrem Heimatland angeboten. Der Erlös aus dem Verkauf solle genau wie der Eintrittspreis an den guten Zweck gehen, sagt die Hebamme. Darüber hinaus werde es eine Tombola geben. "Bei der Suche nach Spendern sind wir bei vielen Cottbuser Unternehmern sofort auf ein offenes Ohr gestoßen", freut sich Carmen Gennermann. "Bald soll es auch ein offizielles Spendenkonto geben", kündigt sie an. Die Stadtverwaltung habe dabei ihre Unterstützung zugesagt. Weitere Benefizaktionen für die Erdbebenopfer sollen folgen. nn