Wie alle Gedächtnissportler prägt sich Karsten die Zahlen mit Hilfe von Bildern ein. Dabei steht jeweils ein Konsonant für die Ziffern 0 bis 9, aus mehrstelligen Zahlen bildet er Wörter. Die Zahl 64 bedeutet bei ihm Schere. "Ich stelle mir zum Beispiel einen Mann vor, der mit einer Schere Harakiri macht." Mit ausladenden Handbewegungen unterstreicht er seine Worte. "Meine Bilder sind eher brutal, weil die Forschung gezeigt hat, dass das Gehirn emotionale Bilder besser speichert."

666 ist gleich Tisch
Bei komplexen Informationen benutzt er Gegenstände in seiner Umgebung als Erinnerungshilfe. Die Zahl 666 verbindet er dann zum Beispiel mit einem Tisch. "Die 666 steht für Cha-Cha-Cha. Also stelle ich mir vor, wie ich mit meiner Frau auf dem Tisch tanze, der dann droht zusammenzubrechen."
Seit zehn Jahren beschäftigt sich der promovierte Chemiker mit dem Gedächtnissport. Achtmal war er deutscher Meister, mehrmals Vize-Weltmeister. Für seinen Sieg in Bahrein gab es 10 000 Euro als Preisgeld. "Ein hübsches Sümmchen, doch zum Leben reicht das nicht aus." Hauptberuflich arbeitet Karsten als Patentübersetzer, spezialisiert auf Chemie und Biotechnologie. Außerdem gibt er Gedächtnistraining-Seminare, schreibt Bücher und hält Vorträge auf der ganzen Welt.
Gerade hat er einen kurzen Zwischenstopp in Erfurt eingelegt, wo der gebürtige Hamburger seit dreieinhalb Jahren lebt. Mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern bewohnt er ein großes Grundstück am Rande des Steigerwalds. Hohe Büsche und Bäume schirmen das zartgelbe Haus von der Straße ab. Aus dem Wintergarten kann Karsten durch eine Lücke im Grün bis zur Wachsenburg blicken. Hier sitzt er häufig zum Trainieren, legt Erinnerungen in den hellen Holztisch, die Boxen der Stereoanlage und die Brockhaus-Bände. Über seinem Kopf thront auf einer Empore ein Ergometer. Jeden zweiten Tag strampelt er sich ab. Außerdem spielt er Fußball, macht Yoga, Leichtathletik, ernährt sich gesund und trinkt vor Meisterschaften kaum Alkohol. "Wenn ich mal fünf, sechs Bierchen getrunken habe, memorisiere ich am nächsten Tag deutlich schlechter."
Vielleicht waren es der Sport und die gesunde Ernährung, die bei der Gedächtnisweltmeisterschaft den entscheidenden Unterschied zwischen Karsten und seinem stärksten Konkurrenten, dem 30-jährigen Briten Ben Pridmore, ausgemacht haben. Bei dem Kopf-an-Kopf-Rennen siegte der Deutsche mit nur wenigen Punkten Vorsprung. "Pridmore hält nichts von Sport und gesunder Ernährung." Vielleicht war es aber auch Karstens eiserne Disziplin. Sogar nach anstrengend langen Tagen trainiert er abends noch sein Gedächtnis. "Meine Frau erklärt mich dann immer für verrückt." Die Tschechin spricht aus eigener Erfahrung: Michaela Buchvaldová-Karsten ist selbst dreifache Gedächtnisweltmeisterin.

Ständig auf Schlüsselsuche
Nach Bahrein sieht sich Karsten bestätigt. Mit 45 Jahren war er der älteste Teilnehmer des Turniers. "Das Gedächtnis muss mit dem Alter nicht schlechter werden, wenn man es richtig trainiert." Im Alltag nutzt ihm das beste Gedächtnis der Welt eher selten: Sobald er sich Dinge nicht bewusst merkt, ist sein Erinnerungsvermögen nicht viel besser als bei anderen Menschen. "Auch ich suche ständig nach meiner Brille oder dem Autoschlüssel." Nur den Geburtstag seiner Mutter oder das Datum seines Hochzeittages würde er nie vergessen. "Da habe ich zu viel Angst vor den Konsequenzen."