Epifanio Álvarez ringt mit den Tränen. "Die Regierung tritt unsere Würde mit Füßen", sagt der Bauer. "Mit diesem Schmerz können wir nicht nach Hause zurückkehren." Der Familienvater hat gerade erfahren, dass die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft seinen Sohn und 42 seiner Kommilitonen für tot erklärt hat. Álvarez will das nicht hinnehmen. Er und die anderen Eltern glauben, dass ihre Kinder noch am Leben sind. Verschleppt von Polizisten und Soldaten, eingekerkert im Keller irgendeiner Kaserne.

Für die Ermittlungsbehörden ist der Fall seit Dienstag (Ortszeit) weitgehend abgeschlossen. "Die Studenten wurden entführt, getötet und verbrannt", sagt Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam. "Daran gibt es keinen Zweifel." Bei einer über einstündigen Pressekonferenz legt er Geständnisse, Zeugenaussagen und gerichtsmedizinische Untersuchungsberichte vor, die seine These untermauern sollen.

Ende September hatten Polizisten in der Stadt Iguala im Bundesstaat Guerrero auf Anweisung des Bürgermeisters die 43 Studenten des linken Lehrerseminars Ayotzinapa entführt und sie der kriminellen Organisation "Guerreros Unidos" übergeben. Mehrere Bandenmitglieder räumten den Mord an den jungen Leuten ein. Ihre Leichen übergossen sie demnach auf einer Müllkippe im nahen Cocula mit Diesel und steckten sie in Brand.

Der Fall rückte einmal mehr die engen Kontakte zwischen Politikern, Sicherheitskräften und Verbrechern in den Fokus und löste Massenproteste in Mexiko aus. Lange erkannte Präsident Enrique Peña Nieto die Brisanz des Falls nicht und schwieg. Als er sich dann endlich äußerte, vergriff er sich immer wieder im Ton. "Wir müssen diesen schmerzlichen Moment überwinden und voranschreiten", sagte der Staatschef im Dezember. Am Dienstag fordert er: "Wir dürfen nicht in diesem Moment des Schmerzes verharren." Für die Angehörigen der Opfer ist das ein Schlag ins Gesicht.

"Dieser korrupte Haufen sollte sich was schämen", sagt die Mutter eines Studenten, Carmen Cruz, in einem Menschenrechtszentrum in Mexiko-Stadt. "Sie haben sich schon daran gewöhnt, mit allem davonzukommen, aber diesmal nicht." Auch Clemente Rodríguez kann seine Wut und Enttäuschung nicht länger zurückhalten. "Peña Nieto - bring mir meinen Sohn zurück", ruft er in den Saal.

Die Angehörigen der Studenten haben längst das Vertrauen in die Regierung verloren. Es sind arme Indio-Bauern aus den Bergen von Guerrero, das Studium in Ayotzinapa sollte ihren Söhnen eine bessere Zukunft bescheren. Der Umgang der Behörden mit dem Fall ist für sie nur ein weiterer Beweis, dass die Mächtigen des Landes sie nicht ernst nehmen.