Marco wird vorgeworfen, die 13-jährige Engländerin Charlotte im Osterurlaub sexuell missbraucht zu haben. Der Schüler aus dem niedersächsischen Uelzen bestreitet den Vorwurf. Die erneute Verzögerung in dem Prozess gegen Marco ergab sich dadurch, dass eine Aussage der jungen Engländerin dem Gericht in Antalya noch nicht offiziell vorlag. Charlotte war nach einem Rechtshilfeersuchen der Türkei in ihrer Heimat amtlich vernommen worden und hatte Marco nach Darstellung ihres Anwalts der Vergewaltigung beschuldigt. Die Richter in der Türkei wollten abwarten, bis die Aussagen auf dem Dienstwege in Antalya eintreffen.
„Mir drängt sich der Eindruck auf, dass das Gericht befangen ist“ , sagte Verteidiger Michael Nagel in Antalya. Wenn dem Einspruch gegen die Fortdauer der Untersuchungshaft nicht stattgegeben werde, behalte die Verteidigung sich einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht vor. „In Deutschland wäre es nicht möglich, dass ein Jugendlicher so lange in Haft gehalten wird“ , sagte Jürgen Schmidt, ein weiterer Anwalt Marcos, gestern in Uelzen. „Für mich ist das unfassbar, für mich ist das ein Alptraum.“ Er bezeichnete es als „auffällig“ , dass Charlottes Anwalt Teile der Aussage des Mädchens kurz vor dem Prozessbeginn lancierte.
Keine Neuigkeiten gab es gestern zu dem vom Gericht in Auftrag gegebenen zweiten medizinischen Gutachten. Anfang August hatte ein Klinikarzt, der das Mädchen noch in der Nacht nach dem fraglichen Treffen mit Marco untersucht hatte, ausgesagt, er habe keine Anzeichen für eine Vergewaltigung entdeckt. Es habe auch keinen Geschlechtsverkehr gegeben. Trotzdem hatten die Richter am 6. September einem Antrag der Nebenklage auf ein weiteres Gutachten der Gerichtsmedizin zugestimmt. Wann dieses Gutachten vorliegen wird, ist unklar.
Die Frage, ob das Gericht von einer Vergewaltigung oder einem weniger schlimmen Vergehen ausgeht, wird Auswirkungen auf das Strafmaß haben. Bei einer Verurteilung wegen sexuellen Kindesmissbrauchs muss Marco im schlimmsten Fall fünf Jahre und vier Monate ins Gefängnis. Schenkt das Gericht der Aussage Marcos Glauben, die Britin habe sich als 15-Jährige ausgegeben, könnte der Straftatbestand des sexuellen Verkehrs mit Minderjährigen erfüllt sein. Das Strafmaß hier: zwischen vier und 16 Monaten Gefängnis.
Das Zentrum für Türkeistudien in Essen forderte gestern die sofortige Freilassung Marcos aus türkischer Haft. „Auch die belastende Aussage von Charlotte ändert nichts daran: Angesichts des ungewissen Verfahrensausgangs ist das Fortdauern von Marcos Untersuchungshaft grob unverhältnismäßig“ , sagte Institutsleiter Faruk Sen in Essen. Die Affäre beginne, das Ansehen der Türkei zu beschädigen. „Es kann aber nicht sein, dass jemand so lang in U-Haft sitzt, wenn eigentlich auch ein kompletter Freispruch denkbar ist“ , sagte Sen.
Der Kriminologe und Strafrechtler der Universität Frankfurt, Prof. Peter-Alexis Albrecht, mahnte indes Zurückhaltung an. Die Prozessdauer bewege sich im Bereich des Normalen, sagte Albrecht im ZDF und warnte vor Druck auf die Richter. „Justizmühlen mahlen immer langsam“ , meinte er. (dpa/ta)