Auf die Beschäftigten des Autozulieferers werde massiver Druck ausgeübt, auch bei Krankheit zur Arbeit zu kommen. Darüber informieren Betriebsangehörige die RUNDSCHAU. Bei Intier sei es üblich, dass Beschäftigte, die krank waren, „anschließend beim Personalchef antreten und erklären müssen, weshalb sie zum Arzt gegangen sind“, sagt ein Kollege, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte – aus Angst entlassen zu werden. „Nach Meinung des Personalchefs kann man ein paar Tage Urlaub nehmen und wenn man sich gesund fühlt, wieder zur Arbeit kommen, um so Personalkosten zu sparen.“ Diese betriebliche Praxis führe dazu, dass kranke Beschäftigte „sich nicht zum Arzt trauen und lieber krank zur Arbeit gehen“, heißt es weiter.

Recherchen der RUNDSCHAU in der Belegschaft bestätigen die Situation bei Magna Intier. Ein anderer der Zeitung bekannter Mitarbeiter, der ebenfalls seinen Namen nicht nennen möchte, erläutert die Praxis im Unternehmen: „Wer länger als zwölf Tage krank ist, wird zu Gesprächen hoch geholt. Er oder sie muss dem Personalschef begründen, weshalb man krank war.“ Eine andere Kollegin, die mehrmals krank war, sei gedrängt worden, den Betrieb zu verlassen und sich eine andere Arbeit zu suchen.

Einem Personalgespräch könne sich ein Mitarbeiter nicht verweigern, erklärt Susanne Hoffarth, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Finsterwalde. „Völlig unzulässig ist aber, wenn die Geschäftsführung von ihm verlangt, er soll seine Krankheit offen legen. Die Diagnose muss ich nicht mitteilen.“

Enormer Arbeitsdruck

Der hohe Krankenstand von derzeit fünf bis sechs Prozent sei dem enormen Arbeitsdruck geschuldet, sagen Magna-Mitarbeiter. „Drei von vier Sonnabenden im Monat muss gearbeitet werden, manche arbeiten jeden Sonnabend. Die Leute haben kaum Freizeit. Das sorgt für Frust im Unternehmen und erhöht die Fehlerquote – es gibt erhebliche Qualitätsprobleme.“

Überstunden bei Angestellten seien mit dem Gehalt abgegolten. Es gebe Kollegen mit bis zu 1000 Überstunden, die weder bezahlt noch abgebummelt werden dürfen. „Wenn du deine Arbeit nicht schaffst, dann bist du unfähig“, werde Betreffenden unmissverständlich zu verstehen gegeben.

Oliver Mössler, der Geschäftsführer von Magna Intier in Massen, bestreitet auf Nachfrage grundsätzlich die Vorwürfe, kranke Beschäftigte zur Arbeit zu drängen, will sich dazu aber weiter nicht äußern und verweist auf die Konzernzentrale in Österreich. Die hat auf Nachfrage der RUNDSCHAU zu den Vorwürfen nicht reagiert.

Tatsache ist, dass in einer auch von Mössler unterschriebenen offiziellen „Mitarbeiter-Info“ erklärt wird, dass arbeitsunfähig geschriebene Mitarbeiter arbeiten können, wenn sie „sich wieder gesund fühlen“. „Durch jeden Tag, an dem Sie krankheitsbedingt fehlen, entstehen uns Kosten, da Ihre Arbeitskraft abgefangen werden muss“, heißt es darin. Es geht der Appell an die arbeitsunfähig geschriebenen Beschäftigten, „durch solche kleinen Verhaltensänderungen unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und den Standort weiter zu sichern“. In einem weiteren von Mössler unterzeichneten Schreiben werden Hausärzte von Intier-Beschäftigten darauf hingewiesen, vor einer Krankschreibung danach zu fragen, welche Tätigkeiten der Betreffende im Betrieb ausübe, um dann zu entscheiden, ob Der- beziehungsweise Diejenige nicht doch arbeiten könne.

„Der Betriebsrat wird von der Geschäftsführung nicht ernst genommen“, erklärt sein Vorsitzender Roland Hein, der die Vorwürfe der Mitarbeiter bestätigt. Schonarbeitsplätze für gesundheitlich angeschlagene Kolleginnen und Kollegen, wie vom Betriebsrat gefordert, gebe es nicht. „Ich habe den Mitarbeitern angeboten, bei den Gesprächen beim Personalchef mit dabei zu sein – davon hat bisher leider keiner Gebrauch gemacht.“

„Nicht im Gesetzeseinklang“

„Die Vorgehensweise der Geschäftsführung unterstellt, dass ein Hausarzt nicht gewissenhaft entscheidet, ob ein Beschäftigter arbeitsunfähig ist oder nicht“, erklärt Rechtsanwältin Susanne Hoffarth. „Ein Unternehmen ist ab der sechsten Krankheitswoche sogar verpflichtet, ein betriebliches Eingliederungsmanagement anzubieten, um die betriebliche Ursachen abzustellen und Leistungen und Hilfen anzubieten, und nicht, um Kranke aus den Betrieb zu drängen“, sagt die Rechtsanwältin. Sie kommt zu dem Schluss: Die Vorgehensweise der Geschäftsführung stehe nicht im Einklang mit dem Gesetz.