Singen sei heilsam, wenn es unter entspannten Bedingungen geschieht und "aus dem Herzen" kommt, sagt Wolfgang Bossinger, Musiktherapeut und Buchautor aus Ulm. Den körperlichen Effekt beschreibt er als "inneres Jogging", das Herz und Kreislauf stärke: Die Atmung fließt nach kurzer Zeit langsamer und geht tiefer. "Das Zwerchfell wird aktiviert und massiert die Bauchorgane."
Schon beim einfachen "Vokaltönen", also dem Singen eines langanhaltenden "A" oder "O", gebe es Resonanzphänomene mehrerer Körperrhythmen, wie sie sonst nur im Tiefschlaf auftreten. Das bedeutet: Atem-, Blutdruck- und Herzrhythmus harmonisieren sich, körperliches Wohlgefühl entsteht.
Gesang stärkt außerdem das Immunsystem, fanden Forscher der Universität Frankfurt/Main heraus. Sie untersuchten einen Amateurchor bei Proben zu Mozarts "Requiem": einmal beim Singen selbst, ein anderes Mal nur beim Hören einer Aufnahme. Überraschenderweise sei nur durch das Singen im Speichel das antikörperhaltige Immunoglobolin A deutlich angestiegen, erläutert Gunter Kreutz, mittlerweile Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Oldenburg.
Der Experte hält das Chorsingen für vergleichbar mit leichtem Fitnesstraining oder Meditation. Denn auch die Sängerseele profitiert. "Übereinstimmend mit unseren Annahmen hat sich die Stimmung beim Singen erheblich verbessert, weniger aber dann, wenn die Choristen nur zuhören und nicht singen", sagt Kreutz.
Musiktherapeut Bossinger ist sogar überzeugt, dass die mentalen Effekte noch stärker sind als beim Sport. Bereits nach zehn Minuten sei spürbar, dass sich Stresshormone wie Adrenalin abbauen. "Im Gehirn wird ein Glückscocktail aus Serotonin, Endorphinen und dem ,Kuschelhormon' Oxytocin zusammengemischt." Das wirke sich auf die Emotionen und das seelische Gleichgewicht aus: Wer aufgedreht ist, kommt zur Ruhe, Ärger baut sich ab, müde Menschen werden munter.
"Singen ist das Atmen der Seele", sagt auch Matthias Merzhäuser, Vorsitzender des Internationalen Chorleiter Verbandes (ICV) in Gießen. Ob traurige oder lustige Lieder, jeder Sänger sei mit seinen Gefühlen daran beteiligt - auch, wenn er allein schmettert. "Aber gerade in einem Chor hat das eine viel stärkere Auswirkung - ich sehe meinen Nebenmann und spüre seine Reaktion, seine Freude."
Auch zum Abschalten trägt das Singen bei, denn der Gedankenstrom wird unterbrochen: "Einen Text singen und über Probleme nachdenken - das geht nicht gleichzeitig", sagt Bossinger. Es sei ein "sich verselbständigender Prozess". Er ermutigt prinzipiell jeden Menschen zum Singen - auch diejenigen, die von sich glauben, sie könnten es nicht. "Beim Singen gibt es keine Fehler, nur Variationen."
Chorleiter Merzhäuser erzählt in diesem Zusammenhang von einer der vielen Gesangsgruppen, die er betreut. Es gebe darunter auch einige nicht-musikalische Leute. "Denen tut es gut, dabei zu sein und am Erfolg des gesamten Chores teilzuhaben." Singen erfüllt in seinen Augen daher auch eine wichtige soziale Komponente - man erlerne soziale Zusammenhänge und sei gefordert, sich in andere einfühlen.
Immer mehr Menschen entdecken das Singen für sich. Fest macht Merzhäuser das an der wachsenden Anzahl neuer Chöre. Bei Gospels, Elton-John-Klassikern wie "Can You Feel the Love Tonight", DuranDurans "I get around" oder den alten Beatles-Klassikern fänden sich viele wieder. "Das macht vor keinem Alter halt." Eine Beobachtung, die auch Musikwissenschaftler Kreutz macht: Schon sein 16 Monate alter Sohn habe große Freude an Gesang.