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RUNDSCHAU-Umfrage
Der ESC verkommt zur Politsatire

Isabella Levina Lueen
Isabella Levina Lueen FOTO: dpa
Cottbus. Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn: den Eurovision Song Contest, der dieses Jahr in der Ukraine stattfindet. Am Samstagabend steigt das Finale mit 26 Nationen. Die RUNDSCHAU hat 1200 Leser befragt, was sie vom Wettbewerb halten. Rüdiger Hofmann

Große Show oder Politikum? Wer singt eigentlich für Deutschland? Und wie lassen sich die katastrophalen Ergebnisse der vergangenen Jahre aus deutscher Sicht erklären? Nahezu jeder der rund 1200 Befragten kennt zwar den europäischen Gesangswettbewerb, doch hält sich das Interesse für den ESC die Waage. Etwa 40 Prozent der Umfrageteilnehmer wollen sich das Finale mit Freunden oder der Familie vorm TV anschauen, 60 Prozent werden verzichten. Neben den zwanzig Ländern, die sich in den beiden Halbfinals qualifiziert haben, sind die Big-Five-Länder Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien sowie das Gastgeberland direkt für das Finale gesetzt.

Erstaunlich ist, dass fast 60 Prozent der Leser die deutsche Interpretin Isabella Levina Lueen und ihren Song "Perfect Life" nicht kennen. Levina hatte am 9. Februar 2017 den deutschen Vorentscheid "Unser Song 2017" gewonnen. Sie wird Deutschland mit besagtem Titel aus der Feder von Lindy Robbins in der Ukraine vertreten.

1991 wird Isabella Levina Lueen in Bonn geboren. Ihren Zweitnamen verdankt sie ihrer älteren Schwester, die damals ein Kindermädchen mit Nachnamen Levine hat. Heute ist Levina ein Künstlername, zu Hause heißt die junge Sängerin immer noch Isabella. Sie wächst in Chemnitz auf und geht dort aufs Gymnasium, macht das Abitur dann aber im britischen Cambridge. Isabella geht nach London und schreibt sich für Gesang- und Komposition ein. Nach dem Bachelor-Abschluss hängt sie ein Musikmanagementstudium dran. Heute wohnt sie sowohl in London als auch in Berlin. Bereits ihre ersten Gesangsversuche sind erfolgreich: 2001 wird die talentierte Sängerin Erste bei "Jugend musiziert". 2006 gewinnt sie den Schülerwettbewerb des Sächsischen Landtags, und auch später, während des Studiums in London, ersingt sich Levina mit ihrer Band Miss Terry Blue mehrere Preise. 2012 holt sie mit der Band den ersten Platz bei der Uni-Music-League. Besonderes Merkmal: Fünf Buchstaben sind in Levinas rechten Unterarm tätowiert: "Plan A". Levinas Plan A ist die Musik. Samstag will sie nun in Kiew besser abschneiden als die deutschen Finalisten der vergangenen Jahre.

Generell kann es für Deutschland nicht viel schlechter werden: Letzter Platz 2016, letzter Platz 2015, davor ging es auch nicht über Platz 18 (2014) hinaus. Zwei Mal in Folge war der Eurovision Song Contest für Deutschland also eine Katastrophe. Eklats gab es zuletzt schon bei der Auswahl der Kandidaten. 2016 hatte der zuständige Sender NDR erst Xavier Naidoo ausgewählt, ihn dann aber doch nicht antreten lassen. Zu groß die Kritik an Naidoos vermeintlich homophoben Äußerungen und einem Auftritt bei den umstrittenen "Reichsbürgern". Und 2015 sagte der eigentliche Sieger des deutschen Vorentscheids Andreas Kümmert noch während der Siegerehrung ab. "Ich möchte nicht", sagte er zu den verdutzten Veranstaltern.

Woran liegt es, dass Deutschland in den vergangenen Jahren so schlecht abgeschnitten hat? "Weil sich die baltischen und slawischen Länder alle untereinander die Punkte vergeben", sagen 22 Prozent der Lausitzer. Jeder Fünfte ist der Meinung, es liege an der schlechten Vorauswahl der Interpreten. Fast genauso viele schieben es auf politische Gründe: Andere Länder seien neidisch auf Deutschland, eine der führenden Wirtschaftsnationen in Europa. "Die Punkte werden nach Lust und Wellenschlag mit dem Salzstreuer verteilt, statt irgendwelche überschaubaren Kriterien anzuwenden", sagt ein Leser. Und eine Leserin meint: "Wie die Vergangenheit lehrt, kann Deutschland nur punkten, wenn es Auftritte gibt, die einerseits gefällig sind, sich aber andererseits deutlich vom durchschnittlichen Gedudel abheben." Dafür müsse man eine originelle Idee darstellen, wie es einst Nicole getan hat. Am 24. April 1982 gewann die damals 17-jährige Abiturientin Nicole als erste deutsche Vertreterin den Eurovision Song Contest im englischen Harrogate mit dem Lied "Ein bisschen Frieden". Der Titel wurde weltweit über fünf Millionen Mal verkauft, gewann Platin und Gold. "Ein Mädchen mit einer Gitarre singt ein schlichtes Lied vom Frieden - geniale Idee", sagt eine Leserin.

Immer häufiger scheint es aber inzwischen nicht mehr nur um die Musik zu gehen, sondern um politische Aussagen wie im letzten Jahr oder "schräge Typen" wie Conchita Wurst. 2014 gewann sie in Kopenhagen mit divenhaften Gesten und der orchestralen Ballade "Rise Like A Phoenix" den Wettbewerb. Bereits dort zeichnete sich immer mehr ein Motto ab: Auffallen um jeden Preis. Jeder Vierte der befragten Leser sieht den ESC zu einem reinen Politikum verkommen. Er sei generell nicht mehr der Talentwettbewerb, der er mal war. "Bei den Abstimmungen der Länder kann man mitunter schon vorher sagen, wer von welchem Land die Punkte bekommt", kritisieren viele der Umfrageteilnehmer.

Und deshalb vermuten auch in diesem Jahr wieder viele ein bescheidenes Abschneiden von Deutschland. Mehr als ein Platz im hinteren Drittel ist für den deutschen Wettbewerbsbeitrag nicht drin - sagen 60 Prozent der Umfrageteilnehmer. Das könnte sich ändern, wenn alle Länder gezwungen wären, in ihrer jeweiligen Landessprache zu singen, vermuten 70 Prozent der Leser. Ihre Botschaft ist eindeutig: "Es wird Zeit, dass Deutschland sich zurückzieht. Der ESC ist zu einer Politsatire verkommen. Deutschland als Hauptzahler wird regelmäßig von allen verhöhnt. Sollen doch die anderen Länder ihre eigene Show machen."

Zum Thema
Nach 2005 richtet die Hauptstadt der Ukraine zum zweiten Mal den Wettbewerb aus. Trotz einer Stunde Zeitverschiebung ändert sich die gewohnte Sendezeit nicht. Das Erste sendet das Finale am 13. Mai ab 21 Uhr, die Livestreams zum Finale und den beiden Halbfinalen gibt es auf eurovision.de. Die Moderatoren der Show sind Timur Miroshnychenko, Volodymyr Ostapchuk und Oleksandr Skichko. Die Regeln für den Eurovision Song Contest werden von der European Broadcasting Union (EBU) festgelegt. War es in den Anfangsjahren noch eine recht überschaubare Liste, ist es mittlerweile schon fast ein Regelkatalog. Weitere Infos unter www.eurovision.de