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Leserbrief
Unfreundliche Gastgeber

Meinung | Burg. Ich bin in im November 1960 in Cottbus geboren und im Westen Berlins aufgewachsen nachdem ich von meinen Verwandten im Spreewald wegen Mauerbau getrennt wurde weil ich zur Zeit "als niemand vorhatte, eine Mauer zu errichten" im Krankenhaus in West-Berlin lag. 2010 bin ich nach Burg-Spreewald gezogen und lernte seither die "Lausitzer Freundlichkeit" kennen die durch den Radikaltourismus den man hier in Burg betreibt eher ins Gegenteil (Unzufriedenheit und Fremdenhass) umgeschlagen ist. Ralf Bees

Auffällig ist, dass gerade diejenigen, die vom Tourismus leben und dafür sorgen, dass immer mehr Touristen nach Burg kommen, unfreundlich sind. Sie leben wohl nur noch von Durchreisenden und sind auf Stammkunden nicht angewiesen, was man als "Einheimischer" deutlich zu spüren bekommt. Entsprechend wird man hier in den Geschäften oder Restaurants "bedient". Letztlich ist man als Gast bedient statt freundlich und zuvorkommend bedient zu werden, wie es eigentlich in der Branche üblich ist. Ich kann das sehr gut vergleichen da ich genau die gegenteilige Erfahrung in Sachsen gemacht habe, wo die Leute sehr nett und gastfreundlich sind - sogar zu "Wessis".

Als Berliner habe ich die Wende sehr positiv erlebt. Das Volk wuchs nach meinen Erfahrungen dort sehr gut zusammen. Bei der Berliner Polizei wurden wir Mitarbeiter "bunt durcheinandergemischt" und mussten lernen mit unseren Kollegen aus dem Ostteil zusammen zu arbeiten wobei sie von uns und wir von ihnen lernen konnten. Das funktionierte recht gut bis auf wenige Ausnahmen. Das waren diejenigen, die sich von ihrem beruflichen Weiterkommen mehr versprachen weil sie treue Parteimitglieder waren und vorher gefördert wurden. Es stellte sich heraus, dass diese Mitarbeiter immer nach dem Freitag der Woche nicht mehr zum Dienst erschienen weil sie ihre StaSi-Tätigkeit verschwiegen hatten und daher nicht als Beamte übernommen wurden.

Mit dem "Rest" ließ sich´s gut arbeiten und man hatte nicht mehr den Eindruck, dass es zwischen Ost- und Westkollegen Unterschiede gab - außer außerhalb der Berliner Grenzen (Potsdam und umliegendes Brandenburg) wo man anlässlich der damals geplanten Länderfusion Berlin-Brandenburg zur sogenannten "Kampfabstimmung" fuhr um sich gegen eine Fusion auszusprechen.
Ich habe durch meine Erfahrungen größtenteils gelernt, dass es positiv ist, sich mit den Befindlichkeiten und Problemen der Kollegen von "der anderen Seite" auseinander zu setzen, um ihre Probleme nachvollziehen zu können. Das galt auch in anderer Richtung und so bildete sich nach und nach eine Gemeinsamkeit und Jeder konnte sich auf Jeden verlassen, was in diesem Beruf auch besonders wichtig und manchmal sogar lebenswichtig ist.

Auch durch den Kontakt zu den Bürgern im anderen Teil der Stadt lernte man viel Verständnis aufzubringen und sah die Zusammenführung beider Staaten sehr positiv.

Hier in der Lausitz ist plötzlichh alles anders. Man outet sich als Wessi allein schon, wenn man z.B. über eine Fernsehsendung spricht die damals im Westfernsehen lief und wird anschließend von den Menschen gemieden. Seit dieser Erfahrung lege ich jedes Wort auf die sprichwörtliche Goldwaage um nicht aufzufallen.

Auch im Amt Burg ist man entsprechend abweisend und man wird sogar danach gefragt, warum man aus dem Westen hierher kam. Entsprechend schwer hat man es, seine Interessen durchzusetzen weil man ja "Wessi" ist. Man wäre der "Einzige" der sich z.B. über die Unterversorgung der Telekom beschweren würde oder es gäbe keine Gefahren im Straßenverkehr - zumindest hätte noch niemand solche feststellen können. Es muss daher erst zu einem Unfall kommen um seinen Standpunkt nachweisen zu können anstatt vorher etwas dagegen zu unternehmen. Völlig anders verhielt sich die Amtsleitung (Fr. Krautz) als sie dann im Gespräch erfuhr, dass ich in Cottbus geboren wurde und der Hof auf dem ich lebe seit vielen Generationen im Familienbesitz befindlich ist. Und plötzlich ist alles anders könnte man meinen. Zumindest nach Außen denn trotzdem gibt es Probleme, einen Telefonanschluss von der Telekom zu erhalten weil ein vermutlich früherer Parteigenosse in der technischen Abteilung in Cottbus "versprach", dass ich nie wieder einen Anschluss erhalten würde. Und so wurde mein Anschlusstermin inzwischen das 4. Mal, inzwischen auf 2018 verschoben. Offensichtlich werden die "alten Feindbilder" noch immer künstlich am Leben erhalten.

Mir ist durch die Zusammenarbeit (Ost-Westkollegen) bewusst, dass viele ehemaligen DDR-Bürger ihrem Staat nachtrauern der sie einmal beherbergte. Ganz ehrlich: Ich möchte nicht, dass mein Staat plötzlich nicht mehr existiert und ich muss mich an neue Gewohnheiten und Rechte gewöhnen. Schließlich verloren sie Alles an das sie einmal glaubten und was ihnen Jahrzehntelang eingeredet wurde. Aber nicht umsonst gab es auch die Mittwochsdemos und den "ruhigen Aufstand" in der DDR. Also kann doch nicht alles so gut gewesen sein wie ich heute noch immer von vielen Bürgern in Burg höre. Natürlich ging es den Spreewäldern aufgrund ihrer Eigenversorgung etwas besser als dem Rest der Bevölkerung. Aber das ist meiner Meinung nach immer noch so denn man profitiert hier wirklich von den Touristen. Warum man diesen gegenüber dann so unfreundlich ist, weiß ich nicht. Meine Verwandten bestätigen das ebenfalls, insofern ist das nicht nur meine Meinung. Erst wenn ich im Laden oder Restaurant erkläre, dass ich kein Tourist bin werde ich freundlicher bedient. Das ist schon komisch.

Ich habe daraus gelernt, dass es so lange keine reale "Einigkeit" der Menschen geben wird, wie die Generation die in der DDR lebten und arbeiteten noch leben. Dasselbe gilt wohl auch leider für die Generation im Westen welche an der innerdeutschen Grenze provoziert oder sogar festgehalten wurden. Mir hatte man sogar einen "Job bei der StaSi" angeboten als man erfuhr, dass ich bei der Polizei war, weshalb ich auch eine StaSi-Akte besitze; zumindest ein Aktenzeichen weil man die Unterlagen noch nicht gefunden hat.

Hier sind speziell die Berliner betroffen, die jahrzehntelang Schikanen an der Grenze ausgesetzt waren und die nicht das Glück hatten, in ihrer Firma oder Arbeitsstelle "gemischt" zu werden, um die Sorgen und Nöte der "Ossis" kennenzulernen. Solange auch noch die Bundesregierung dafür sorgt, dass Ossis und Wessis unterschiedlich bezahlt werden und unterschiedliche Renten erhalten, wird sich diese Kluft auch nicht vermeiden lassen. Und das obwohl wir eine "ostdeutsche Kanzlerin" haben wo man eigentlich meinen dürfte, dass sie etwas für ihr Volk tun könnte oder besser gesagt, müsste.