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| 12:00 Uhr

Leserbriefe
Kaum Anteilnahme

Cottbus. Sind uns die Mahnungen zum 8. Mai so wenig wert?

Mein Lebensgefährte nahm am 8. Mai 2018, dem 73. Tag der Befreiung vom Faschismus, am Gedenken am Vormittag dieses wichtigen Tages am sowjetischen Ehrenmal im Cottbuser Norden teil. Leider waren es dort nur wenige Menschen, meist Bekannte der Familie, die der für die Befreiung vom Faschismus Gefallenen gedachten. Rund 20 Menschen sind kein repräsentativer Querschnitt der Cottbuser Bevölkerung. Offizielle aus der Stadtverwaltung waren dort nicht zu sehen.

Ich selbst war beim Gedenken der russischsprachigen Menschen unserer Stadt und Mitgliedern der Cottbuser Jüdischen Gemeinde am 9. Mai 2018 am Sowjetischen Ehrenmal am Cottbuser Südfriedhof dabei. Zirka 35 meist ältere Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nahmen dort teil.

Der Tag des Sieges, wie er in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken begangen wurde und wird, ist für die Menschen aus und in der ehemaligen Sowjetunion traditionell ein Tag der Mahnung vor neuen Kriegen. Dieser wichtige Tag wird überall in der Welt von den Menschen aus diesem Land mit den größten Opfern im Zweiten Weltkrieg dem Anlass angemessen gewürdigt.

Was mich dabei so erschreckt und enttäuscht, ist die fehlende Anteilnahme der deutschen Bevölkerung. Nur sieben Deutsche begleiteten dieses Gedenken am Südfriedhof. Offizielle Persönlichkeiten der Stadt Cottbus nahm ich keine wahr.

Das wirft für mich die Frage auf, ob diese Toten, die für die Befreiung vom Faschismus alles gaben, in Cottbus weniger wert sind. Diese Frage geht an Verwaltung, Parlament und Bürger.

In einer Stadt, deren OB in der Vereinigung „Majors for Peace“ (Bürgermeister für den Frieden) Mitglied ist, erwarte ich aber nicht nur von der Verwaltung die gebührende Anteilnahme, sondern auch von der Cottbuser Bevölkerung.

Dabei hätten viel mehr Menschen auch durch ihr Erscheinen klar gegen neue Kriege Haltung zeigen können. Oder hat man es nicht mehr nötig, an den nötigen Frieden zu erinnern, wo jetzt auch wieder deutsche Truppen an der russischen Westgrenze an Manövern teilnehmen?

Es braucht dabei keiner wieder, wie üblich, von den deutschen Kriegsopfern anzufangen. Die hätte es nicht gegeben, wenn die deutsche Bevölkerung in den 1920er- und 1930er-Jahren aufgepasst hätte und den damaligen Faschisten rechtzeitig in den Arm gefallen wäre. Heute schweigt sich die Mehrheit, die laut Medien keinen neuen Krieg will, zu diesem Thema aus.

Oder brauchen wir noch einen Krieg in Europa, damit auch die Lausitzer, die Mehrheiten endlich aufwachen? (...)

Sylvia Graul, Cottbus