ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:50 Uhr

Gedanken nach einem Auschwitz-Besuch
Auschwitz-Besuch löst bedrückendes Schweigen und Tränen aus

Die Jugendlichen aus Ortrand und Umgebung haben im Konzentrationslager Auschwitz im Gedenken an die Opfer Blumen niedergelegt.
Die Jugendlichen aus Ortrand und Umgebung haben im Konzentrationslager Auschwitz im Gedenken an die Opfer Blumen niedergelegt. FOTO: Pfarrsprengel Lindenau-Kroppen / Gerda Guhl
Eine Gruppe Jugendlicher aus der Region Ortrand hat auf einer Reise nach Krakau das Konzentrationslager Auschwitz und das Vernichtungslager Birkenau besucht. Tief betroffen berichten sie davon.

„Lerne aus der Vergangenheit, lebe in der Gegenwart und hoffe für die Zukunft. Der wichtige Punkt dabei ist, nicht aufzuhören, Fragen zu stellen.“ Dieses Zitat von Einstein nahmen wir uns zu Herzen, als wir, die Junge Gemeinde aus Kroppen und Lindenau, eine kleine Reise nach Polen unternahmen, um uns mit der Geschichte der vielen Juden, die im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden, näher zu beschäftigen. Unsere kleine Reisegruppe bestand aus 20 Jugendlichen und vier Erwachsenen. Das erste Ziel war Oswiecim oder in Deutschland eher bekannt als Auschwitz. Nach sieben Stunden Fahrt kamen wir im Begegnungszentrum für Dialog und Gebet an. Noch am ersten Abend begann bereits unser Programm. Wir empfingen Ingo Senftleben, den Landesvorsitzenden der CDU Brandenburg, hatten eine kurze Gesprächsrunde, bevor wir dann gemeinsam den Film „Schindlers Liste“ anschauten.

Am nächsten Tag ging die Fahrt zum Stammlager Auschwitz 1, welches nur wenige Minuten von unserer Unterkunft entfernt war. Nach einer kurzen Begrüßung von Anna, unserem Guide, gingen wir durch das Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“, welches wir alle aus unseren Geschichtsbüchern kannten. Doch selbst an diesem Ort zu sein, ist noch einmal etwas komplett anderes. Anna erzählte uns von der Kapelle, die immer deutsche Marschmusik spielte, wenn die Arbeiter zurück ins Lager kamen, von den harten Arbeiten und von den grausamen Strafen. Wir sahen Galgen, Dunkelzellen und Hungerzellen, welche nur 90 mal 90 Zentimeter maßen, und die Todeswand. An dieser legten wir gemeinsam mit Ingo Senftleben einen Kranz nieder und dachten an die Menschen, die dort nackt in einem Innenhof erschossen wurden. Herr Senftleben las danach noch einen Brief vor, welchen ein Zeitzeuge aus der Zeit geschrieben hatte. Jeder hatte spätestens ab diesem Moment eine bedrückende, nachdenkliche Stimmung, welche vom Wetter zusätzlich unterstrichen wurde. Neben kalten fünf Grad Außentemperatur und einem eisigen Wind, fing es auch noch an, aus den dunklen grauen Wolken zu nieseln. Wir gingen schweigsam weiter.

Es ging weiter durch die einzelnen Häuser mit ihren Ausstellungen über das tägliche Leben der Arbeiter und Sammlungen von Koffern, Töpfen, Schuhen und sogar Haaren. Dem ein oder anderen flossen da die Tränen über das Gesicht. Den Leuten wurde damals alles genommen, was sie besaßen und was sie geliebt haben, sogar ihre Familie wurde oft auseinandergerissen. Die hauptsächlich jüdischen Familien wollten ein neues Leben anfangen, stattdessen mussten sie nun tagtäglich bis an die 16 Stunden schuften, hungern und das alles immer mit dem Hintergedanken, dass sie dort nicht mehr lebendig heraus kommen würden. Die meisten von ihnen starben an Hungertod oder in den Gaskammern. Eine solche besichtigten wir ebenfalls. Das Gefühl, welches man dabei hat, wenn man durch die Räume geht, an denen Tausende von unschuldigen Menschen gestorben waren, kann man unmöglich beschreiben. Die ganzen Eindrücke muss man erstmal verarbeiten (...)

Danach ging es für unsere Gruppe ins Vernichtungslager Birkenau. Vom Parkplatz aus sah man eine riesengroße Wiese mit einem Zaun rundherum. Zusammen mit Anna gingen wir an den Schienen entlang und standen dann da, wo vor mehr als 70 Jahren Tausende Juden mit dem Zug ankamen, dort, wo sie sortiert wurden nach Geschlecht und Arbeitsfähigkeit, und dort, wo manche gleich erschossen wurden. Danach gingen wir in die typischen Baracken, wo bis zu 1000 Menschen gehaust haben. Wir erfuhren, dass bis zu sechs Personen in einem Bett geschlafen haben. Anna erzählte noch viel mehr darüber, wie man mit den Gefangenen umgegangen war. Das ist ziemlich erschreckend. Wie kann man Menschen so verachten, nur weil sie eine andere Religion haben oder körperlich oder geistig beeinträchtigt sind? Teilweise waren wir sehr verstört.

Dieses Gefühl verstärkte sich, als wir dann eine Behausung von Kindern besuchten. Wenn man als Kind ein Konzentrationslager überlebte, grenzte das schon an ein Wunder, denn sie konnten nicht arbeiten und wurden daher oft gleich in die Gaskammern geschickt. Das Kinderthema beschäftigte viele am meisten, da wir selber noch jung sind und kleine Geschwister und Cousins haben. Zum Schluss gingen wir noch an das Denkmal für die Ermordeten und zu den zerstörten Gaskammern, in denen 2000 Leute auf einmal sterben mussten. Die Gebäude haben die SS-Männer damals in die Luft gesprengt, als der Krieg zu Ende ging. Damit wollten sie die Spuren der Grausamkeiten verschwinden lassen. (...)

Der zweite Teil unserer Reise führte uns nach Krakau. Dort gingen wir auf Entdeckungstour durch das jüdische Viertel. Wir wollten nämlich auch wissen, wie die Juden vor der NS-Zeit in dieser Stadt gelebt haben. Wir besuchten eine Synagoge und einen jüdischen Friedhof, welcher total anders ist, als die Friedhöfe, die wir kennen. Den Nachmittag nutzten wir dann erstmal zum Verarbeiten der ganzen Eindrücke aus zwei körperlich und geistig anstrengenden Tagen. Am Abend ging es dann in ein jiddisches Restaurant, in dem wir die jiddische Kultur, welche fast komplett ausgestorben ist, kennenlernen konnten — mit Essen und Klezmer-Musik.

Am Ende waren wir uns einig, dass man die Geschichte und die Emotionen nur nachvollziehen kann, wenn man selbst ein Konzentrationslager besucht hat. In unserer Kirchengemeinde wollten wir davon berichten. Am 9. November, zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht, gestalteten wir Jugendlichen einen Gottesdienst mit unseren Gedanken nach der Reise in die Geschichte.

Jasmin Kleinichen
Kroppen

Konzentraktionslager Auschwitz
Konzentraktionslager Auschwitz FOTO: Pfarrsprengel Lindenau-Kroppen / Gerda Guhl
Die Jugendlichen aus Ortrand und Umgebung haben im Konzentrationslager Auschwitz im Gedenken an die Opfer Blumen niedergelegt.
Die Jugendlichen aus Ortrand und Umgebung haben im Konzentrationslager Auschwitz im Gedenken an die Opfer Blumen niedergelegt. FOTO: Pfarrsprengel Lindenau-Kroppen / Gerda Guhl