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Der Heldenmythosist widerlegt

Kurt Noack aus Groß-Kölzig schreibt zur Neuverfilmung von "Nackt unter Wölfen":

Die Geschichte des Buchenwaldkindes hat nun seine dritte Filmfassung erhalten. (. . .) Mit ihr sollte Rechnung getragen werden, was die Archive erst nach der Wende freigaben und den Heldenmythos der Kommunisten der Buchenwalder Lagerwirklichkeit heute in anderem Licht erscheinen lässt. Der Arbeit einer Historikergruppe der Universität Jena lagen Protokolle der Vernehmungen von Funktionshäftlingen zugrunde und wurden bislang geheim gehalten. (. . .) Die Aktenfunde korrigieren die von der SED gehütete Illusion von der heldenhaften Widerstandsgruppe der KPD im Alltag Buchenwalds, in dem der Einzelne um das nackte Überleben zu kämpfen gezwungen war. In dieser Situation opferten die an wichtigen Stellen der privilegierten Lagerhierarchie sitzenden Roten Kapos andere Häftlinge, um die eigene Gruppe zu schützen. Soweit russische Häftlinge die Opfer waren, standen nach Kriegsende prominent gewordene Täter vor sowjetischen Tribunalen. Ernst Busse, Lagerältester und ehemaliger Reichstagsabgeordneter, einer der wichtigsten Köpfe des illegalen Lagerkomitees und nach 1945 thüringischer Minister geworden, wurde beschuldigt und zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er fand im Eismeerlager Workuta den Tod. Der 2. Lagerälteste Erich Reschke, nach der Befreiung ebenfalls in hochgestellten SED-Diensten, überlebte Workuta und starb 1980 in der DDR. Es ist belegt, dass bei der Befreiung des Lagers durch die US- Armee nicht mehr als 625 ordentliche Mitglieder der KPD sich im Lager befanden und in den knapp acht Jahren der Existenz Buchenwalds 72 frühere Kommunisten den Tod fanden, davon 17 durch unmittelbare Gewalt der SS. Buchenwald hatte nach dem Kriege bis 1950 als NKWD-Speziallager Nr. 2 eine zweite Geschichte. (. . .)