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| 18:25 Uhr

Lesermeinung
Angehörigen wird viel abverlangt

Pflegegeld und Leistungen

Zu Lesermeinungen zum Thema „Pflege-Notstand erzeugt Frust“ (LR, 12. März) Ich kann den Ausführungen von Frau Janetzko nur beipflichten. Meine fast 93-jährige Mutter lebt in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt und wird über eine Kombinationsleistung der Pflegeversicherung von mir und einem kirchlichen Pflegedienst seit Jahren in der Häuslichkeit versorgt.

Seit gut zwei Jahren hat sie wegen ihrer körperlichen Gebrechen ihre kleine Wohnung im zweiten Obergeschoss nicht mehr verlassen können. Ab dem 1. Juli 2017 wurde ihr durch den MDK der Pflegegrad 3 zuerkannt. Für meinen Mann und mich bedeutet das seit Jahren vollkommene Unterordnung der eigenen Interessen unter die Versorgung meiner Mutter, eigene psychische und physische Belastungen eingeschlossen.

Im Rhythmus von anderthalb Wochen fahre ich für mehrere Tage zu meiner Mutter und versorge sie mit allen Dingen des täglichen Bedarfs, Hauswirtschaft usw. und organisiere alles Notwendige zur Lebensführung in der eigenen Wohnung.

Parallel dazu erledigt der Pflegedienst täglich die kleine/große Morgentoilette, abends ein Fußbad und zweimal pro Woche die Müllentsorgung. Schon für diesen noch kleinen Leistungskomplex war in der Vergangenheit bei Pflegegrad 2 eine nicht unerhebliche Zuzahlung an den Pflegedienst erforderlich, da die Zahlungen der Pflegekasse dies nicht abdeckten. Alle Leistungen aus der Pflegeversicherung garantieren die Finanzierung eines Grundbedarfs mit minimalem Aufwand. Zuzahlungen durch den Versicherten sind quasi unausweichlich. Tragen die pflegenden Angehörigen die Hauptlast der Pflege, so erhalten sie aus dem System monatlich schätzungsweise einige Hundert Euro. Sicher gibt es bei den pflegenden Angehörigen auch einige, die den Qualitätsansprüchen einer guten Pflege nicht entsprechen. Das gilt aber ebenso für die ambulanten Pflegedienste. (...)

Kontrollen der Verantwortlichen des ambulanten Pflegedienstes zur Leistungsdurchführung am Pflegebedürftigen erfolgen nicht. Meine Erfahrungen mit dem Pflegepersonal: nur ein ganz geringer Prozentsatz der Mitarbeiter erledigt seine Aufgaben umsichtig, mit Herz und vertragsgerecht. Für die überwiegende Mehrheit gilt: Schnell die Tour durchziehen, aus welchen Gründen auch immer. Da bleibt ganz schnell mal das vertraglich vereinbarte und bezahlte wöchentliche Duschen auf der Strecke. Der alte Mensch ist dem wehrlos ausgeliefert und kann sich oftmals gar nicht mehr dazu artikulieren.

(...) Seinerzeit habe ich mich bewusst gegen einen privaten Pflegedienst entschieden, weil ich während meiner beruflichen Tätigkeit genügend Einblick in die pflegerische Betreuung alter Menschen vor allem durch private Betreiber hatte. Meine Mutter ist mir jeden Tag dankbar, dass ich ihr ein Leben in den eigenen vier Wänden ermögliche, und dazu sind die Mittel aus der Pflegeversicherung gedacht. Zweckentfremdete Verwendung staatlicher Leistungen wird es immer geben, nicht nur in den Familien.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es keine Verbesserung in der ambulanten Versorgung der Pflegebedürftigen durch mehr Geld gibt, wenn nicht gleichzeitig ein umfangreiches und effizientes Kontrollsystem dazu durchgesetzt wird. Dieses muss aber am Menschen funktionieren, nicht nur auf dem Papier.

Barbara Gutsch
Cottbus