Aufgewachsen im akademisch-kleinstädtischen Tübingen (Baden-Württemberg), umgeben von Büchern und Musik, wollte sie eigentlich Medizin studieren. Aber es war die Zeit, als man klugen Mädchen im Westen gerne den Rat gab, sich abzugrenzen von der Masse und in einer Männerdomäne Karriere zu machen. Also entschied sich Christiane Hipp Mitte der 80er-Jahre für das Studium des Wirtschaftsingenieurwesens. Reiste für mehrmonatige Praktika in die USA, nach Frankreich und nach Spanien - und hatte nach ihrem Abschluss das Gefühl, noch immer nicht genug gelernt zu haben. Sie ging ans Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung und schrieb nebenbei ihre Dissertation. "Damals widmete sich die Innovationsforschung nur dem klassischen Industrieunternehmen. Denn nur dort fand Wertschöpfung statt, so die Überzeugung der Wissenschaft", sagt Hipp. Innovatives Potenzial Christiane Hipp aber fragte, wo in einer Dienstleistungsgesellschaft innovatives Potenzial zu finden sei. Mit diesem Thema machte sie sich in der Fachwelt einen Namen. Ihrem Partner zuliebe zog sie nach München und stieg in eines der damaligen Elite-Projekte ein: kleine Zukunftswerkstätten, in denen kluge Menschen die Welt von übermorgen entwerfen sollten. Christiane Hipp dachte bei Mannesmann (später Vodafone) darüber nach, wie Verkehr sich kontrollieren lässt (Vorstufen des Mautsystems) oder wie Stadtpläne der Zukunft aussehen (heute bekannt als Navigationssysteme). "In München war ich als feste freie Mitarbeiterin beschäftigt - und nutzte meine freie Zeit, um mich in Hamburg-Harburg zu habilitieren." Ungestillter Ehrgeiz Denn noch immer war der Wissensdurst der jungen Frau nicht gestillt, ebenso wenig wie ihr Ehrgeiz. Da spielte es keine Rolle, dass sie genau in dieser Zeit auch noch Mutter wurde. Ihr Partner war nicht gerade begeistert, dass sie plötzlich ganz konkrete Forderungen stellte, was Gleichberechtigung im Alltag heißen kann. "Aber mit Tagesmutter, einem eigens gegründeten Elternladen und viel Elan haben wir alle Hürden gemeistert", erinnert sich die Professorin . Als sie damals von einem freien Lehrstuhl in Cottbus hörte, bewarb sie sich. "Ich bin als Quereinsteiger aus der Wirtschaft anfangs in jedes Fettnäpfchen getreten, das ich finden konnte", sagt sie lachend. "Die akademischen Gepflogenheiten muss man sich erst aneignen, hier herrschen so ganz eigene Gesetze." Heute aber, nach fast vier Jahren an der BTU, hat sie ihre Arbeit perfekt strukturiert. Allerdings: 500 jungen Leuten im Grundstudium das ABC von Wertschöpfungsprozessen beizubringen, ist kein reines Vergnügen. "Zumal", so die Professorin, "vielen Jugendlichen Lebenserfahrungen fehlen, mit denen sie ihr Wissen verknüpfen können." Wie überhaupt die Wirtschaftslehre sich nicht in Formeln und Diagramme pressen lässt. "Natürlich sind alle Unternehmer operativen Zwängen unterworfen und müssen effizient sein. Aber ich versuche zu zeigen, dass auch ethische Kriterien bei Entscheidungen berücksichtigt werden müssen - und sich das sogar rechnen kann." So hat sie gerade mit einer Habilitandin ein EU-Forschungsprojekt über ältere Mitarbeiter betreut. "Jeder denkt ja, Ältere sind unflexibel, wenig kreativ und ihr Geld eigentlich nicht mehr wert." Eine Untersuchung in einem großen Unternehmen aber hat ergeben: Die Verbesserungsvorschläge älterer Mitarbeiter sind deutlich besser und lohnender für die Firma als die Ideen junger Leute. "Die Firma war sehr erstaunt über das Ergebnis", sagt Christiane Hipp. Trotzdem werden auch dort weiter ältere Mitarbeiter über Vorruhestandsregelungen aus dem Arbeitsprozess gedrängt. "Weil sich hier Kosteneinsparungen kurzfristig rechnen", erklärt die Expertin. "Der langfristige Nutzen der Mitarbeiter lässt sich nicht im nächsten Etat darstellen - und zählt daher wenig." Nachdenken über Zukunft Sie selbst fängt wieder an, über "Strukturen" und "Zukunft" nachzudenken. Ihr Vertrag ist auf fünf Jahre befristet. "Eine Verlängerung ist sicher kein Problem, ich bin auch wirklich gern in Cottbus. Aber es kann nie schaden, noch eine zweite Option offen zu haben." Mit diesem "offenen" Denken ist sie stets gut gefahren, und es hat ihr auch im Privaten geholfen, Balance zu halten. Als leidenschaftliche Bratsche-Spielerin fand sie durch die Musik an jedem Lebensort schnell Kontakt, als begeisterte Reisende eröffnete sie sich immer wieder neue Horizonte, und durch ihre große Neugier entwickelte sie schnell so etwas wie Heimatgefühle. "Ich bin in der Lausitz auf jeden Aussichtsturm gekrabbelt und habe mir alle Heimatmuseen angeguckt, die ich finden konnte", sagt sie. Da wäre es schon schade, wenn sie ihr Wissen nicht noch einige Jahre nutzen könnte.