Es geschah im beschaulichen Städtchen Velbert-Neviges bei Essen: Mit einem Stein halbtot geschlagen, wurde Kassandra von ihrem Peiniger in einen 1,50 Meter tiefen Kanalschacht gestopft. Den 30 Kilo schweren Deckel zog er über das Loch, dann versteckte er ihn noch unter Ästen. Es regnete, das Wasser stieg und stieg. Sieben Stunden hockte das lebensgefährlich verletzte Mädchen unter der Erde. Durchnässt und stark unterkühlt fand sie schließlich ein Spürhund der Polizei. Kassandra wurde gerade noch rechtzeitig gerettet. Drei Wochen später erschütterte die Festnahme des Tatverdächtigen: Er war erst 14 Jahre alt. Kaum jemand soll den Jungen bei der Verhandlung zu Gesicht bekommen. Er soll nicht schon in einer frühen Phase stigmatisiert werden. Niemand außer den Prozessbeteiligten darf den Saal betreten. Kassandras Vater erscheint mit seinem Anwalt. Der 15-jährige Angeklagte wird mit seinen Eltern über einen Hintereingang in den Saal geführt. In der Verhandlungspause gehen Staatsanwalt Rüdiger Ihl, Kassandras Vater und die Anwälte wortlos an Presse und Kameras vorbei. Da hatte der junge Angeklagte schon gestanden. Das Gesicht von Kassandras Vater ist versteinert. Erst am Ende des Prozesstages sagt Astrid Denecke, die Anwältin des Jungen, in knappem Juristendeutsch, ihr Mandant habe ein Geständnis abgelegt.Damit wird dem Gericht unter dem Vorsitzenden Richter Ralph von Bargen wohl auch ein aufwendiger Indizienprozess erspart bleiben. Dafür sah sich Staatsanwalt Ihl bereits gut gewappnet. "Es gibt objektive Spuren, die die Täterschaft belegen können", sagte Ihl. Aber es gibt keine Zeugen der Tat. Kassandra kann sich bis heute offenbar weder an das furchtbare Geschehen noch an den Täter erinnern. Auch der Tathergang gab bislang Rätsel auf. Das Motiv des Täters? Es ist völlig unklar. Spuren eines Sexualverbrechens gab es nicht. Was geschah am 14. September 2009 in der halben Stunde zwischen den beiden Attacken des Jungen auf Kassandra? Er soll das verletzte Kind hinter einer Turnhalle liegen gelassen haben, dann aber wieder zurückgekehrt sein. Nach Ansicht der Ankläger kam er zurück, um Kassandra zu töten und die Spuren des Verbrechens zu verwischen. Noch einmal schlug er mit dem Stein zu, bevor er das Mädchen in den Abwasserschacht stieß. All das Unfassbare geschah unweit des Spieltreffs, wo Kassandra immer die Nachmittage verbrachte. Der Schüler kannte das Mädchen - und er hat eine Vorgeschichte. Schon früher tyrannisierte er nach Elternaussagen Kinder: Deswegen hatte er Hausverbot in dem Hort. Kassandra konnte erst zwei Monate nach der Tat das Krankenhaus verlassen. Seitdem ist sie in psychologischer Behandlung.