Nachts um 3 Uhr schlug das Wetter am Tilicho-See im Himalaya um. „Da habe ich gesagt: Umkehren, das macht so keinen Sinn, wir riskieren sonst Leib und Leben“, sagt Manfred Boenki. Er ist Hochtourenführer des Alpenvereins Sektion Hohenstaufen Göppingen und brachte in der vergangenen Woche eine Gruppe zum Tilicho-See - und damit mitten hinein in einen der tödlichsten Schneestürme, die Nepal bisher erlebte.

Die sieben Deutschen, ihre zwei nepalesischen Bergführer und elf Träger waren am Annapurna-Massiv unterwegs. Eigentlich wollten sie vom Tilicho-See - mit 4930 Metern der wohl höchste See der Welt - über den Pass nach Jomsom. Doch Boenki ließ sie nicht gehen. „Es war ein dichtes Schneetreiben, man hat nichts mehr gesehen“, erzählt er am Sonntag, direkt nachdem die Gruppe in Nepals Hauptstadt Kathmandu eingetroffen ist.

Auf einer Route quasi ohne Schilder und Wanderzeichen gab es nur eins, was den Weg weisen konnte: Boenkis GPS-System. „Ich hatte die Tour vorher runtergeladen“, sagt er. Mit Stirnlampen auf dem Kopf und dem Ortungssystem in der Hand tasteten sie sich durch den Schnee vorwärts, der bald 60 Zentimeter hoch lag. „Wir waren vielleicht oft ein paar Meter neben dem Weg, aber zumindest hatten wir die Richtung“, sagt er.

„Auf der Mitte des Weges erfasste uns eine Lawine. Sechs Träger wurden mitsamt Gepäck in die Tiefe gerissen“, erzählt Boenki. „Sie sind zum Glück mit dem Leben davongekommen, weil es keine Nasschneelawine war, sondern lockerer Schnee.“ Das Gepäck war weg - aber die Nepalesen kamen unverletzt den Hang wieder hoch. „Sie haben uns umarmt und geweint, dass sie überhaupt noch leben.“

Irgendwann schleppten sie sich alle ins Tilicho-Basislager auf 4200 Metern. Aber noch waren sie nicht in Sicherheit. „Rauf, über den Pass, ging es nicht. Und runter auch nicht, weil es dort Steilhänge gibt. Da gingen immer wieder Lawinen ab, die den Weg teilweise verschütteten“, sagt Boenki, der seit 36 Jahren Touren im Himalaya leitet. „Da hat sich keiner rausgetraut.“

Die Nacht verbrachten die Deutschen in einer der drei Hütten im Basislager, auf Bänken und auf dem Fußboden im Aufenthaltsraum. Am nächsten Tag kamen die ersten Helikopter, um das Camp zu evakuieren. „Da gab es ein wahnsinniges Gedränge - obwohl ja keine Lebensgefahr bestand“, sagt Boeni. Junge Touristen hätten sich regelrechte Faustkämpfe geliefert, um sich einen Platz zu sichern, sagt der 72-Jährige. „Da zogen die Hubschrauberpiloten wieder hoch, bis sich das unten beruhigt hatte.“

Erst nach zwei Tagen konnte die Alpenvereinsgruppe per Helikopter nach Manang fliegen; von dort ging es weiter nach Kathmandu. Eine Frau im Team, sagt Boenki, findet nun: „Einmal Nepal und nie wieder.“ Er jedoch, der insgesamt schon anderthalb Jahre in Nepal verbrachte, wird wieder in den Himalaya gehen. Allerdings sollte es mehr Schilder geben und bessere Wege, meint er. Bisher würden diese quasi jeden Monsun vom Regen unterspült oder von Schlammlawinen bedeckt.

Auch der nepalesische Bergführer Madan Kumar Thapa findet, das Land hätte mehr tun sollen - dann wären während des Sturms vielleicht nicht mindestens 39 Menschen gestorben. „In der beliebten Annapurna-Region sind so viele Touristen unterwegs, dafür gibt es nicht genügend Notunterkünfte“, sagt er. In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Wander-Touristen steil an, im vergangenen Jahr gingen laut dem Verband der Trekkingagenturen 12 500 auf die Annapurna-Runde. Thapa erklärt, er sehe viele Menschen, die ohne Bergführer losgingen und sich nicht einmal über das Wetter informierten.

„Die Touristen haben teilweise wirklich keine Ahnung vom Hochgebirge“, bestätigt Boenki. Doch nicht nur sie, auch einige Träger und Führer seien „haarsträubend schlecht ausgerüstet“. Sie stülpten zum Beispiel Plastiktüten über ihre Turnschuhe, damit die Füße im Schnee trockenbleiben. Auch der nepalesische Bergsteiger Ang Chiring Sherpa findet: „Es sollte mehr Regeln geben. Nur qualifizierte Leute sollten Trekkingagenturen leiten. In den Bergen braucht man Erfahrung.“