Wenig ist geblieben von der ehemaligen Pilzfabrik in Waldow. Unmittelbar hinter dem Gasthaus des kleinen Spreewald-Dorfes deuten einige Gebäudereste auf den Standort hin. Fast vergessen ist, dass hier 1939 ein Pionierprojekt für die Lebensmittelindustrie in Deutschland stand. „Da hat schon manch einer gestaunt, was es früher so alles im Spreewald gab“, sagt Petra Rother. Sie stammt aus dem Spreewald-Ort und hat der Redaktion Informationen zu dieser Geschichte geliefert.

Vierjahresplan soll Deutsches Reich unabhängig machen

Doch der Reihe nach. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland ergreifen, wollen sie Deutschland in vielen Bereichen nach ihren Vorstellungen neu gestalten. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Landwirtschaft und Ernährung. „Reichsbauernführer“ und „Reichsernährungsminister“ Walther Darré (1895 – 1953) will das „Bauerntum als Lebensquell der Nordischen Rasse“ zum neuen Adel erheben – was gründlich misslingt. Deutschland soll – so ein Wunsch der neuen Machthaber – unabhängig von Lebensmittelimporten werden. Hermann Göring (1893 – 1946) soll dafür ab 1936 mit dem Vierjahresplan sorgen, der Deutschland zugleich fit machen soll für einen Krieg.

Forscher aus Sachsen setzen auf Pilze

Einigen Forschern aus Sachsen kommt diese Zielsetzung gerade recht. „Von volkswirtschaftlichen Überlegungen ausgehend, stellten sich die Verfasser dieses Buches im Jahr 1938 die Aufgabe, das Problem der Verwertung sämtlicher in den deutschen Wäldern wachsenden Pilze als Lebens- und Futtermittel in Angriff zu nehmen“, schreibt Werner Bötticher, Direktor der Staatlichen Chemischen Untersuchungsanstalt Dresden, zusammen mit seinen Kollegen Pannwitz und Nier.

Bei den Machthabern in Berlin stößt dieses Ansinnen auf großes Interesse. Brachliegende Nahrungsmittelreserven, die zudem im industriellen Maßstab zur Verfügung gestellt werden könnten – diese Aussicht klingt verlockend. Und so können sich Bötticher und seine Kollegen, die eine Forschungsgemeinschaft Pilzverwertung gegründet haben,mit finanzieller Unterstützung des Reichsforstministeriums daran machen, ihre Pläne umzusetzen.

Waldow bei Cottbus als idealer Standort für die Pilzfabrik

Auf Laborversuche in Dresden folgt schon bald der Aufbau einer ersten Versuchsanlage. Bei der Suche nach einem geeigneten Standort werden die Forscher in Waldow im Spreewald fündig. Bötticher verweist auf einen dortigen Forstmeister,der sehr an dem Projekt interessiert gewesen sei. „Im Jahr 1939 wurde so als erste derartige Anlage in Deutschland die Pilzverwertungsanlage in Waldow bei Cottbus errichtet“, schreiben Bötticher und seine Kollegen. Die Oder-Zeitung schwärmt 1944 in einem Artikel über die Anlage: „Sie liegt mitten im einem pilzreichen Gebiet des Spreewaldes, kann also während der Sammelzeit leicht mit Frischpilzen versorgt werden.“

Ein Kommerzienrat Naumann, angeblich ein „Konservenfachmann“, wird gewonnen, die Produktion zu leiten. Dabei hat man es vor allem auf Pilze abgesehen, die bis dahin kaum verwertet wurden. „Hier können nun endlich die zahllosen eßbaren Pilzsorten verwendet werden, die, auf der gewöhnliche Art zubereitet, vielleicht scharf, bitter oder brennend schmecken, in der industriellen Verarbeitung aber diese unangenehmen Geschmacksstoffe verlieren und dann vom menschlichen Organismus voll ausgenutzt werden“, berichtet die Oder-Zeitung 1944.

So arbeitete die Pilzfabrik Waldow

Und das geht so: Zunächst werden die angelieferten Pilze bis zu drei Stunden ausgekocht und anschließend maschinell ausgepresst. Der aufgefangene Saft wird angedickt und als Extrakt an die Nahrungsindustrie verkauft, etwa als Basis für Suppen und Soßen. Die getrockneten Pilze werden gedörrt und dann zu Pulver vermahlen, das ebenfalls der weiterverarbeiteten Industrie verkauft werden kann.

Die ersten Versuche gelingen und so kann bereits 1941 mit finanzieller Unterstützung von Reichsminister Darré die Anlage erweitert werden. Es sei vor allem darum gegangen, die einzelnen Verarbeitungsschritte in der Größenordnung aufeinander abzustimmen, um so die Produktionsleistung insgesamt zu erhöhen, berichtet Bötticher. 1942 wird so mit der Verarbeitung von 100 000 Kilogramm getrockneten Pfeffermischlingen ein erster Rekord aufgestellt. Ein Jahr später sind es schon 200 000 Kilo.

In Berlin ist man entzückt. Dem Beispiel aus dem Spreewald folgend sollen weitere Pilzfabriken in Bayrischen und Böhmerwald entstehen. Auch in den mittlerweile eroberten Gebieten im Osten sind weitere geplant.

Kriegsgefangene in der Pilzfabrik Waldow

Allerdings macht hier – wie auch bei den Plänen für eine autarke Landwirtschaft – die Geschichte dem Größenwahn der Nationalsozialisten einen Strich durch die Rechnung. Der hoch gepriesene Blut- und Bodenadel der Bauern flieht trotz aller Bemühungen Darrés weiterhin von der Scholle in die Städte. Durch die Verluste des Krieges fallen weitere dringend benötigte Arbeitskräfte weg. Auch in Waldow müssen deshalb Kriegsgefangene die Arbeit übernehmen. Die Waldower Ortschronik berichtet von „10 bis 15 französischen Kriegsgefangenen in der Fabrik“.

Kein Einzelfall. Mit fortschreitender Kriegsdauer werden mehr und mehr Kriegsgefangene in Landwirtschaft und Industrie eingesetzt, um so zumindest zeitweise die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen. Vom Wunsch einer autarken Versorgung bleibt man allerdings weit entfernt, was auch die Bevölkerung zu spüren bekommt. Je näher die Front rückt, desto dramatischer wird die Lage.

Pilzfabrik arbeitet nach dem Krieg weiter

Wann genau das Aus für die Waldower Pilzfabrik kam, ist nicht überliefert. Es sei sehr schwierig, Informationen zur Anlage zu finden, „weil vieles weggeworfen wurde“, berichtet Petra Rother.

Die Ortschronik weiß aber zu berichten, dass die Anlage nach Kriegsende für einige Jahre noch einmal gute Dienste leistete. So hätten die Anwohner dank der Fabrik einen guten Nebenverdienst gehabt. „Sogenannte Rehpilze, die in Mengen in den Wäldern um Waldow zu finden waren, wurden aufgekauft und zu Konserven verarbeitet, ebenso wie das Obst der Bauern“, berichtet die Chronik. Etiketten zeigen bis 1958 von Abfüllungen in Waldow. Anfang der 60er-Jahre ging dann aber auch dieses Kapitel der Geschichte zu Ende.