Von Torsten Richter-Zippack

Die Lausitz ist reich an Eisen. Nur ein paar Zentimeter unter der Erdoberfläche kommt vielerorts Raseneisenerz vor. Voraussetzung sind grundwasserbeeinflusste Böden, die es bis heute in der Lausitz gibt und die früher noch viel häufiger waren. Kein Wunder, dass die deutsche Übersetzung für den sorbischen Begriff der Lausitz, Luzyca, Sumpfland bedeutet. Gerade die nördliche Oberlausitz galt vom Spätmittelalter bis weit in das 19. Jahrhundert hinein als ein Mittelpunkt der Eisenhüttenindustrie in Zentraleuropa.

Doch bereits die ab dem dritten Jahrhundert nach Christus eingewanderten germanischen Stämme beherrschten die Kunst der Gewinnung des begehrten Metalls. Insbesondere das Gebiet der Muskauer Heide scheint ein Eisen-Zentrum gewesen zu sein.

Dafür sprechen verschiedene Funde von Archäologen, die im Vorfeld des Tagebaus Nochten (Landkreis Görlitz) mehrere prähistorische Industriestandorte ausgegraben haben – beispielsweise südöstlich von Trebendorf bei Weißwasser. „Hier haben wir bereits 130 Öfen zur Eisenverhüttung gefunden“, sagt Grabungsleiterin Sabrina Herrmann vom Landesamt für Archäologie Sachsen mit Außenstelle in Weißwasser.

Darüber hinaus gebe es weitere in Größenordnungen in der unmittelbaren Umgebung. So wurden erst kürzlich neben dem Friedhof von Schleife 80 Exemplare entdeckt. Auf der entsprechenden Fläche erfolgen derzeit die Vorarbeiten für die Ansiedlung des Dorfes Mühlrose mit seinen rund 200 Einwohnern. Der Ort muss dem Tagebau Nochten weichen.

Im Zuge der Devastierung von Merzdorf an der Spree zwischen Boxberg und Uhyst für den Tagebau Bärwalde wurden ebenfalls mehr als 600 Öfen aus der spätrömischen Kaiserzeit freigelegt.

Vor rund 1700 Jahren wurde Eisen für verschiedenste Zwecke benötigt. Dazu gehörten unter anderem das Herstellen von Waffen, Werkzeugen und diversen Alltagsgegenständen. Doch bevor das Metall aus dem Erdreich gelöst werden konnte, war ein umfangreiches Arbeitspensum zu bewältigen. „Neben dem Raseneisenerz ist Holzkohle erforderlich“, berichtet Landesamt-Archäologin Andrea Renno. Schließlich mussten die Germanen den metallhaltigen Rohstoff zunächst auf 1200 Grad erhitzen, um das Eisen herauszuschmelzen.

Dafür wurden spezielle Tonöfen gebaut. Der Nachteil: Nach jedem Brennvorgang mussten die Öfen zerschlagen werden, um an das Metall zu gelangen. Daher war für jeden neuen Brennvorgang eine neue Brennstätte notwendig. Immerhin: Pro Ofen konnten bis zu 30 Kilogramm Eisen gewonnen werden.

Zur Holzkohlegewinnung wurden die großen Wälder genutzt. Waren sämtliche Bäume in Holzkohle umgewandelt, zogen die Germanen weiter.

Neben den Öfen wurden sogenannte Röstgruben ausgehoben. Dort erfolgte die Vorröstung des Raseneisenerzes, ehe es in den Ofen ging. Außerdem sind die Archäologen unmittelbar daneben auf mehrere Grubenhäuser gestoßen. Die sechs Meter langen und vier Meter breiten Gebäude, die bis einen Meter tief ins Erdreich eingefasst waren, dienten wahrscheinlich als Arbeits- und Werkstätten. „Wir haben dort Reste alter Webstühle sowie aus Ton gefertigter Spinnwirtel und Webgewichte gefunden“, berichtet Andrea Renno. „Wahrscheinlich, so unsere Theorie, haben sich die Männer um die Erzgewinnung gekümmert, während die Frauen Stoffe hergestellt haben“, sagt Renno. Darüber hinaus fehlten selbst Gruben zur Entsorgung der Eisenschlacke nicht.

Mehrere Rätsel konnten die Archäologen bislang allerdings noch nicht lösen. Zum einen die Frage, wer genau diese Menschen waren, die während der römischen Kaiserzeit in der Lausitz Eisen gewannen. Zum anderen, wo diese Leute, speziell an der Fundstätte bei Trebendorf, wohnten. Denn eine entsprechende Siedlung aus jener Zeit haben die Experten bislang nicht aufgespürt.

„Wir vermuten aber, dass sich der Wohnort auf einer etwas höher gelegenen Fläche befunden haben muss“, sagt Sabrina Herrmann. Heute wächst dort ein älterer Kiefernbestand. Dort sei es ungleich schwerer, auf entsprechende Hinweise, beispielsweise zeitgenössische Scherben, zu stoßen. Da präsentiere sich die Arbeit im weitestgehend freigeräumten Tagebau-Vorfeld wesentlich einfacher.

Ein weiteres Rätsel bildet ein erst unlängst entdecktes Gebäude-Überbleibsel am Rand des Ofen-Feldes. „Wir wissen bislang nicht, welche Funktion es hatte. Möglicherweise wohnten dort Leute“, vermutet Herrmann.

Bis zum Herbst 2019 müssen die Archäologen auf ihren Grabungsfeldern südöstlich von Trebendorf ihre Arbeiten abgeschlossen haben. Anschließend rückt der Vorschnittbagger an und legt die Erdmassen über der Kohle frei. Die Fachleute hoffen, dass ein Teil der Fundstücke perspektivisch in einer Ausstellung zu sehen sein wird.

Schriftliche Quellen über die spät­kaiserzeitliche Besiedlung der Oberlausitz gibt es indes nicht. Sämtliches Wissen über jene Epoche resultiert aus entsprechenden Funden. Nach Angaben des Heimatforschers Wolfgang Koschke vom Freundeskreis Stadt- und Parkmuseum Bad Muskau finden sich die ersten schriftlichen Nachweise über die Gewinnung von Raseneisenerz in der Oberlausitz aus dem Jahr 1329 aus den Gebieten der Herren von Penzig (heute Piensk). Anno 1366 wurde der Boxberger Eisenhammer als ältestes Hammerwerk der Muskauer Herrschaft erstmals genannt. Daraus resultiert auch der sorbische Name der Industriegemeinde, nämlich Hamor.

Mit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Gewinnung von Oberlausitzer Raseneisenerz ihrem Ende entgegen. Fortan wurde das Metall in der Hitze von Kokshochöfen gewonnen. Nach Angaben von Wolfgang Koschke gab es am Ende des 19. Jahrhunderts im Oberlausitzer Heideland keine einzige Hochofenflamme mehr.