Gemessen an den zweieinhalbtausend Jahren, die der geheimnisvolle Keltenschatz im Erdreich an den Ufern der Elbe in Pirna schlummerte, ist das Jahr, das Gabriele Wagner mit der Restaurierung der Schmuckstücke zubrachte, ein geradezu mikroskopisch kleiner Zeitausschnitt. Nach Monaten der Wiederaufbereitung liegen die Fundstücke nun ausgebreitet vor ihr. Behutsam richtet die Restauratorin die archaisch anmutenden Artefakte, die auf rote Filzdeckchen gebettet sind, zur Präsentation aus.

Beim Anblick der vom Schmutz befreiten Objekte würde man nicht vermuten, dass sie die letzten zwei Jahrtausende dicht gedrängt in einem kleinen, fragilen Gefäß unter der Erde vergraben lagen. „Da das Gefäß auch so schon prall gefüllt war, gab es eigentlich nicht viele Sedimentablagerungen“, erläutert die Restauratorin des Landesamtes für Archäologie.

Ungewöhnlicher Ort für Keltenschmuck

Es habe aber schon seine Zeit gedauert, bis die vielen Einzelstücke, darunter zwei Ketten mit Hunderten Perlen und das vielgliedrige Kettencollier aus dem Keramiktopf geborgen und jedes für sich hergerichtet werden konnte.

Ungewöhnlich ist allerdings nicht nur der Schmuck selbst. Schon die Tatsache, dass unweit der Lausitz ein solcher Keltenschatz im Boden schlummert, gibt Rätsel auf. Die Forscher ordnen die Fundstücke den Anfängen der Frühlatènezeit zu, also etwa um 450 v. Chr. Die Träger der Latènekultur waren Kelten, die im fünften Jahrhundert vor allem den Süden Mitteleuropas bis zum nördlichen Alpenrand besiedelten.

In Westeuropa umfasste ihr Einflussbereich Gebiete im heutigen Frankreich und Südengland. Im Osten reichte die keltische Kultur von der heutigen Slowakei bis ans Schwarze Meer. Am äußersten Rand herrschten die Galater auf dem Gebiet des heutigen Anatolien. In Böhmen lebte der Volksstamm der Boier.

Sachsen war kein keltisches Kerngebiet

Die Kelten gliederten sich seit jeher in eine Vielzahl unterschiedlicher Stammesverbände auf und bildeten zu keinem Zeitpunkt einen einheitlichen politischen Staat. Dennoch erstreckte sich ihr Herrschaftsgebiet quer über den gesamten europäischen Kontinent. Sie versetzten auch die römische Republik in Angst und Schrecken. 387 v. Chr. fielen die Senonen in Rom ein. „Die Plünderung der Stadt stellte ein traumatisches Ereignis für die römische Gesellschaft dar“, erklärt die Sächsische Landesarchäologin Regina Smolnik.

Sachsen hingegen war gerade kein keltisches Kerngebiet. „Wir waren sprachlos, als wir den Fund das erste Mal sahen, denn so etwas gibt es hier eigentlich gar nicht“, sagt Ingo Kraft.

Kamen die Kelten bis in die Lausitz?

Auch die Lausitz ist zu jener Zeit nicht als keltisches Gebiet bekannt. Mit dem Ende der Billendorfer Kultur, welche an die Lausitzer Kultur anschließt, bleibt die Region am Übergang zur späten Eisenzeit (ab 500 v. Chr.) für 700 Jahre fundleer. Über die Gründe hierfür kann nur spekuliert werden. Vorstellbar seien durch sozialen Wandel ausgelöste Konflikte innerhalb der Billendorfer Kultur, demografischer Wandel, ungünstige wirtschaftliche Faktoren bis hin zu veränderten klimatischen Bedingungen, erklärt Friederike Koch-Heinrichs, Fachbereichsleiterin der Archäologie am Museum Westlausitz in Kamenz. Erst um 200 nach Christus lassen sich wieder größere – diesmal germanische – Siedlungsnachweise finden. Das zeigen etwa Brandgrubengräberfelder mit Verbreitungsschwerpunkten um Bautzen, Görlitz und Guben. Erst nach den Germanen kommen dann Ende des 6. Jahrhunderts die Sorben.

Keltenschmuck als früher Exportschlager?

Den Fund in Pirna-Pratzschwitz ordnen die Archäologen als keltische Importstücke ein.

So einzigartig der keltische Fund an der Elbe also ist, so außergewöhnlich sind seine Fundumstände. Bei der Abgrabung des Oberbodens entging der Schatz nur knapp der zerstörerischen Wucht einer Baggerschaufel. In der Archäologie werden sogenannte Baggersuchschnitte durchgeführt, um untergründige Bodenschichten auf Überreste frühzeitlicher Kulturen zu untersuchen. Ohne die Abtragung durch die Baggermaschinen würde das keltische Kleinod wohl heute noch unter der Erdoberfläche des östlichen Elbufers schlummern.

Bei der Freilegung des Unterbodens wurde das Behältnis, das den Schatz umschloss, zwar ein wenig beschädigt, sein Inneres blieb jedoch unversehrt. „Der Bagger muss das Keramikgefäß mit dem kostbaren Inhalt gestreift und ihm dabei eine Randscherbe entrissen haben“, erläutert Ingo Kraft, Referatsleiter beim Landesamt für Archäologie.

Keltenschatz nur durch einen Zufall entdeckt

Im Oktober des vergangenen Jahres, an einem späten Sonntagnachmittag, lief Martin Wittig über das kürzlich freigelegte Areal, welches wenige Meter von der eigentlichen Grabungsstelle entfernt lag. Es galt als unscheinbar. Der freiberufliche Historiker, der sich ehrenamtlich an den Ausgrabungen in Pirna-Pratzschwitz beteiligte, suchte an jenem Sonntag dennoch das Terrain ab – und stieß auf das tönerne Bruchstück, welches bei der Abtragung des Erdbodens zutage befördert wurde.

Die Scherbe führte ihn zu einer Gewandspange aus Kupfer, der ein Vogelköpfchen aufsaß. Die Gegenstände lagen zudem in einer ungewöhnlichen Vertiefung. „Ich wusste gleich, dass ich auf etwas Besonderes gestoßen war.“, erinnert sich der kundige Grabungshelfer. Er suchte weiter – und fand das Keramikgefäß mit den Kostbarkeiten aus der Keltenzeit! Obenauf lugte, umschlossen von Erde, ein Menschengesicht aus der Öffnung hervor, das seinem Entdecker nach über zweitausendjährigem Schlaf entgegenblickte. Es handelte sich bei dem Gegenstand ebenfalls um eine Gewandspange, die auch als Fibeln bezeichnet werden.

Als langsam die Dunkelheit hereinbrach, sicherte Martin Wittig erst einmal die Fundstelle gemeinsam mit seinem Kollegen, dem ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Mario Steinbach, den er zur Fundstelle gerufen hatte. Sie bargen die aus dem Gefäß geschlagene Scherbe und die Vogelkopffiebel. Das noch größtenteils von Erde umschlossene Gefäß deckten sie mit Folie ab und legten zur Tarnung Erde darauf. „Am Montag habe ich dann damit begonnen, das Gefäß archäologisch freizulegen“, erinnert sich Steinbach.

Experten sind sich einig: ein Sensationsfund

An der Stelle, wo wenige Tage zuvor die Baggerschaufel noch mit aller Gewalt in den Boden eingedrungen war, arbeiteten die beiden Männer nun in emsiger Kleinstarbeit, Zentimeter um Zentimeter, an der Freilegung des Keramiktopfes. Zusammen mit dem örtlichen Grabungsleiter Andrzej Hoppel gelang es Wittig und Steinbach, das Gefäß mitsamt seinem kostbaren Inhalt schon nach anderthalb Tagen aus der Erde zu holen.

Das Areal wurde daraufhin mit einem Metallsuchgerät abgelaufen. Doch vorerst soll es bei diesem einen Glücksfund bleiben. Martin Wittig und Mario Steinbach gehen gut ein Jahr nach der Entdeckung dennoch regelmäßig in das Gebiet, welches der Referatsleiter für Ostsachsen als „archäologisch hochverdächtig“ beschreibt. „Wir beide sind weiterhin tätig da draußen und kontrollieren die Gegend auf weitere Befunde“, sagt Steinbach.

Martin Wittig ist aus Sicht der Forscher des Landesamtes für Archäologie nichts Geringeres als ein Sensationsfund gelungen. Regina Smolnik, sächsische Landesarchäologin und Ingo Kraft, Referatsleiter Ostsachsen, sind sich einig: Die geborgenen Stücke zeugen von großer Kunstfertigkeit und sind für Sachsen ganz einmalig. „Nach jetzigem Kenntnisstand gibt es zum Kettencollier keine Parallele in der keltischen Welt.“, halten die Experten fest. Man habe lange recherchiert – das Collier sogar irischen Kollegen auf einer Tagung gezeigt. „Niemand wusste Rat.“

Fund von Pirna zeigt einzigartige Handwerkskunst der Kelten

Das Schmuckstück besteht aus 700 offenen Bronzeringen, die in fünf Strängen an ein halbkreisförmiges Joch anschließen. Das Halsstück hat einen raffiniert gearbeiteten Mittelgrat, das auf einem Stück Hartholz ausgetrieben worden sein muss, vermutet der Archäologe. So ein keltisches Joch mit einem Mittelgrat habe er noch nie gesehen, sagt Kraft. Auch die drei Kettenschieber seien einzigartig. Sie bestehen aus einem dicken Bronzedraht, der in Schleifen die Führung der Stränge festlegt. Die beiliegenden 360 gereihten Bernsteinperlen und die 130 vorwiegend blauen Glasperlen ordnen die Forscher zwei Ketten zu.

Die Fibeln wurden im sogenannten Wachsausschmelzungsverfahren hergestellt. Dabei wurde das Wachs in Form gebracht, verziert und von Ton ummantelt. Im nächsten Schritt wurde die Figur ausgeschmolzen, die Bronze in eigens dafür gelassene Löcher eingefüllt und zuletzt die Schale abgeschlagen.

Ursprünglicher Besitzer unbekannt

Das Gefäß barg insgesamt drei Fibeln, zwei Vogelkopffibeln und eine Gesichtsfibel. „Gerade die Maskenfibel ist extrem selten“, sagt Ingo Kraft. Die spitz zulaufende Linienführung oberhalb des Kopfes erinnere ihn ein wenig an eine Bischofsmütze. Die kreuzschraffierten Felder in dieser Dreiecksform seien ein Hinweis auf die frühe Latènekunst, so Kraft. Die Maskenfibel hat eine Fußzier, die einem Wolfs- oder Hundekopf nachempfunden ist.

Die Archäologen gehen davon aus, dass die Schmuckstücke ein Ensemble darstellten. Doch sicher ist das nicht. Unklar ist auch, wem die Kostbarkeiten gehört haben könnten. „Solche Stücke wurden typischerweise Fürstengräbern beigegeben“, sagt Regina Smolnik.

In dem Gefäß fanden sich jedoch keinerlei Überreste menschlicher Knochen oder Zähne. Die Forscher können nur spekulieren. „Der Schmuck macht schon eher den Eindruck einer Frauenausstattung.“, räumt Ingo Kraft ein. Regina Smolnik zieht Parallelen zu Würdenzeichen aus der späten Hallstattzeit, die auf 620 bis 450 v. Chr. datiert wird, und in der eine herausragende Frauenschicht existierte.

In einem Jahr wollen die Archäologen den Fund dann im Archäologischen Museum in Chemnitz ausstellen. „Bis dahin gibt es aber noch viel zu untersuchen“, sagt Kraft.

24.10.2019, Sachsen, Dresden: Kunstvoll gearbeitete Masken- und Vogelkopffibeln als Teil eines Keltenfundes an der Elbe bei Pirna-Pratzschwitz werden vom Landesamt für Archäologie Sachsen präsentiert. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Bildergalerie 24.10.2019, Sachsen, Dresden: Kunstvoll gearbeitete Masken- und Vogelkopffibeln als Teil eines Keltenfundes an der Elbe bei Pirna-Pratzschwitz werden vom Landesamt für Archäologie Sachsen präsentiert. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++