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Aus dem Gerichtssaal
Plädoyers hinter geschlossenen Türen

Die Staatsanwaltschaft Cottbus fordert für den 39-jährige Syrer Mohammad H. (M.) wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zwölf Jahre Haft.
Die Staatsanwaltschaft Cottbus fordert für den 39-jährige Syrer Mohammad H. (M.) wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zwölf Jahre Haft. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Cottbus/Herzberg. Staatsanwaltschaft Cottbus fordert für Mohammad H. nach Angriff mit Rasiermesser auf Herzberger Friseurchefin zwölf Jahre Haft. Von Christian Taubert

Die letzte Zeugin und zwei Gutachter konnten Prozessbeobachter am Donnerstag vor dem Landgericht Cottbus noch verfolgen, dann wurde erneut hinter geschlossenen Türen verhandelt. Das heißt, für die Plädoyers wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Eine Konsequenz aus der Zeugenaussage des Opfers Ilona F. Anfang Januar. Damals war auf Antrag der Nebenklage Ausschluss der Öffentlichkeit gewährt worden.

Anwältin Claudia Napiralski hatte damals auf die Panikattacken und posttraumatischen Belastungsstörungen ihrer Mandantin hingewiesen, unter denen Ilona F. nach der Messerattacke mit Schnittverletzungen an Hals, Brust und Bauch leide. Sie schilderte zudem, dass sich ihre Mandantin „unschönen E-Mails“ ausgesetzt sieht, nachdem zum Prozessauftakt drei Tage vor Weihnachten der Drogenkonsum des Angeklagten und ein von ihm gegenüber der Polizei zu Protokoll gegebenes sexuelles Verhältnis zu seiner Chefin öffentlich geworden war. Hinzu komme eine Berichterstattung, die dazu geeignet sei, die wirtschaftliche Existenz ihrer Mandantin zu gefährden.

So haben sich der angeklagte syrische Friseur Mohammad H. und sein Opfer Ilona F. letztlich ohne Öffentlichkeit gegenüber gesessen, als Oberstaatsanwalt Horst Nothbaum zwölf Jahre Haft für den Angeklagten forderte. Die Anklagebehörde, die von Nebenklägerin Claudia Napiralski unterstützt wurde, sieht in ihrem Plädoyer vor dem Landgericht Cottbus den Tatvorwurf des versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung als erwiesen an. Dagegen sieht der Verteidiger des als Flüchtling 2015 nach Deutschland gekommenen 39-jährigen Familienvaters das Mordmerkmal der Heimtücke nicht als gegeben an und geht von versuchtem Totschlag aus. Sein Strafmaß: fünf Jahre Freiheitsstrafe. Der Angeklagte hat sich in seinem letzten Wort bei der Geschädigten im Gerichtssaal entschuldigt und sein Bedauern über seine Tat geäußert.

Mohammad H. soll am 28. Juni 2017 seine Chefin eines Kosmetik- und Friseursalons in Herzberg (Elbe-Elster) völlig unerwartet mit einem Rasiermesser attackiert und ihr Schnittwunden an Hals, Brust und Bauch zugefügt haben. Nachdem mehrere Zeugen im Laufe des Prozesses den vermeintlichen Tathergang geschildert hatten, bestätigte die Finsterwalder Kripobeamte Romy Sch. am Donnerstag dem Gericht die Geschehnisse am späten Nachmittag des 28. Juni. Die Zeugin hatte Opfer und Tatverdächtigen vernommen. Aus den Vernehmungen geht hervor, dass Mohammad H. das Rasiermesser mit in die obere Etage des Kosmetiksalons genommen hatte. Dass er Ilona F. zur Massage dorthin gebeten hatte. Dass er seinen Freund Y. nach unten geschickt, mit der Massage im Nackenbereich begonnen und plötzlich das Rasiermesser gezogen hatte.

Ilona F. habe zunächst den Schnitt am Hals gespürt, wurde an Brust und Bauch verletzt und war aufgestanden. Sie habe dem Beschuldigten die Tatwaffe aus der Hand geschlagen. Der hatte sie den Aussagen zufolge an den Haaren gefasst und mehrfach gegen den Boden gedrückt. Erst als Y. wieder nach oben kam, konnte sich das Opfer in die untere Etage flüchten und verschanzen, bis die Polizei eintraf.

Der Tatablauf wird durch ein Gutachten des Landesinstitutes für Rechtsmedizin gestützt. Dabei wurden die Schnittverletzungen, die alle nicht lebensbedrohlich gewesen seien, ebenso begutachtet wie die Tatwaffe und die vermeintliche Position des Tatverdächtigen. Der Cottbuser Psychotherapeut Dr. Jürgen Rimpel hat zudem ein Gutachten vorgelegt, in dem er die psychische Situation des Tatverdächtigen analysierte. Er verwies auf die anfängliche Euphorie nach seiner Ankunft in Herzberg, aber auch auf zunehmende Anpassungsstörungen.

Der Gutachter ging auf das Verhältnis von Mohammad H. zu seiner Chefin Ilona F. ein. Sie sei für ihn wie eine Mutter gewesen, erfüllte nahezu alle Wünsche. Sie forderte als Chefin viel von ihm, wozu er offensichtlich aber nicht in der Lage war. Und letztlich habe zu „dem komplexen Verhältnis“ auch eine Liebesbeziehung gehört. Mohammad H. sei in sich zerrissen gewesen. Er habe in der Folge Ilona F. für alles verantwortlich gemacht, was mit ihm passierte. Die Ehefrau in Syrien habe sich scheiden lassen. Dennoch kommt der Gutachter zu dem Ergebnis, dass für den Beschuldigten keinerlei strafmildernde Umstände zutreffen würden. Auch der Drogenkonsum vor der Messerattacke habe keine psycho-aktive Wirkung gehabt.

Nach Abschluss der Zeugenbefragung, den Berichten der Gutachter und den Plädoyers am Donnerstag soll nun am 29. Januar das Urteil verkündet werden.