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| 21:23 Uhr

Ideen für den Strukturwandel
Vier neue Institute für die Lausitz

 Blick von dem im Jahre 1511 am Untermarkt der ostsächsischen Stadt Görlitz erbauten Rathausturm über die Dächer und Türme der Stadt zur Landeskrone. Das Casus-Institut für digitale Systemforschung soll seinen Sitz  zunächst auf dem Untermarkt  beziehen. Mit wachsender Mitarbeiterzahl soll ein größerer Standort in Görlitz gefunden werden.
Blick von dem im Jahre 1511 am Untermarkt der ostsächsischen Stadt Görlitz erbauten Rathausturm über die Dächer und Türme der Stadt zur Landeskrone. Das Casus-Institut für digitale Systemforschung soll seinen Sitz  zunächst auf dem Untermarkt  beziehen. Mit wachsender Mitarbeiterzahl soll ein größerer Standort in Görlitz gefunden werden. FOTO: Jens Trenkler
Cottbus/Görlitz/Zittau. Die Kohlekommission will den Strukturwandel im Revier durch die Ansiedlung von Forschungseinrichtungen erleichtern. Von Uwe Menschner

Zu den wichtigsten Maßnahmen, mit denen die  Kohlekommission der Lausitz den Strukturwandel nach dem Braunkohleausstieg erleichtern will, gehört die Ansiedlung von neuen Forschungsinstituten. Zwischenzeitlich haben die Pläne konkrete Formen angenommen. Die RUNDSCHAU stellt die geplanten Projekte vor.

DLR-Institut für CO2-arme Industrieprozesse:

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) plant, in diesem Jahr ein Institut für CO2-arme Industrieprozesse mit Standorten in Zittau oder Görlitz sowie Cottbus aufzubauen. „Hier sollen künftig Hochtemperatur-Wärmepumpen entwickelt werden, die für die Umwandlung von Strom in Wärme in Großspeichern erforderlich sind und damit eine großtechnische Option zur Strom-Wärme-Kopplung darstellen“, erklärte die Vorstandsvorsitzende des DLR, Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund, auf der Jahrespressekonferenz des Instituts.

Den Schlüssel soll dabei ein Wärmespeicher mit Flüssigsalz bilden, „in den aus erneuerbaren Energien gewonnener Strom in Form von Wärme zwischengespeichert und ganz nach Bedarf ohne CO2-Emissionen rückverstromt werden kann.“ Diese Technologie bietet laut Ehrenfreund Kohlekraftwerken eine völlig neue Perspektive: „Arbeitsplätze für Kraftwerkspersonal und Zulieferindustrie vor Ort bleiben erhalten, Komponenten der bestehenden Kohlekraftwerke können weiter genutzt werden.“ Ein Pilotprojekt für das „Third Life“  (Dritte Leben) von Kohlekraftwerken stehe in den Startlöchern – nach dem „First Life“ als Kohle- und dem „Second Life“ als Gaskraftwerk. Das DLR stellt an sich selbst den Anspruch, „mit innovativen Technologien zum Gelingen von Kohleausstieg und Energiewende beizutragen.“ Und Prof. André Thess, Direktor des DLR-Instituts für Technische Thermodynamik, ergänzt: „Nur mithilfe der Speicherung können die starken Schwankungen bei der Produktion umweltfreundlicher Wind- und Solarenergie ausgeglichen und die Energienachfrage gedeckt werden.“

Casus-Institut für digitale Systemforschung:

Etwas schwerer greifbar ist das Anliegen des „Zentrums für digitale Innovationen in der Systemforschung“, dessen Kurzbezeichnung Casus sich vom englischen Namen Center for Advanced Systems Understanding herleitet. Dabei handelt es sich um eine Kooperation zwischen zwei bereits in Dresden und Leipzig angesiedelten Helmholtz-Zentren, einem Max-Planck-Institut, der Universität Breslau und der TU Dresden. Seinen Sitz bezieht es zunächst auf dem Untermarkt in der Görlitzer Altstadt.

Mit wachsender Mitarbeiterzahl soll in der Perspektive ein anderer, größerer Standort in Görlitz gefunden werden. Dr. Michael Bussmann, Gruppenleiter im Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, beschreibt das Arbeitsgebiet wie folgt: „Das Verständnis komplexer, vernetzter Systeme wird in Zukunft entscheidend dazu beitragen, die wichtigen Herausforderungen der Gesellschaft zu meistern. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben wir durch neuartige digitale Methoden die Möglichkeit, diese Komplexität zu verstehen und durch die Vernetzung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zu meistern.“ Als Beispiele nennt er das Verständnis der Entwicklung komplexer Organismen, der langfristigen Entwicklung des Systems Erde sowie neuartiger Werkstoffe. Casus wolle dazu beitragen, „digitale Abbilder der komplexen Wirklichkeit auf Grundlage von Systemen und ihrer Wechselwirkung zu erschaffen und so Vorhersagen treffen zu können.“ Laut Bussmann gibt es „ein Institut mit dieser Ausrichtung bislang noch nicht.“

Fraunhofer-Institut:

Die Fraunhofer-Gesellschaft will mit einem „Institut für Geothermie und Energieinfrastruktur“ einen neuen Forschungsschwerpunkt in der Lausitz etablieren und zugleich eine Brücke in das ebenfalls vom Kohleausstieg betroffene Nordrhein-Westfalen schlagen, wo es bereits über entsprechende Kapazitäten verfügt. Laut Pressesprecher Janis Eitner gelte es, „durch die Entwicklung von Technologien zur Kopplung von Wärmeversorgung und Verkehr an den regenerativ erzeugten Strom den Technologiestandort Deutschland langfristig zu stärken.“ Zuvor müssten jedoch „einige zentrale technologische Herausforderungen gelöst werden.“

In der Lausitz werde ein neuer Institutsteil zu den Themen Wärmenetze, Gasnetze, thermodynamische Wandler und Ausgleichskraftwerke entstehen: „Für die wissenschaftliche Anbindung ist die Fraunhofer-Gesellschaft mit der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus und dem Forschungsstandort Zittau/Görlitz im Gespräch. Die in der Region vorhandene wissenschaftliche Kompetenz im Design und Betrieb großer Kraftwerksanlagen kann damit optimal aufgegriffen werden“, betont Janis Eitner.

Kompetenzzentrum Klimaschutz:

In Cottbus soll in diesem Jahr der Aufbau des „Kompetenzzentrums Klimaschutz in energieintensiven Industrien“ (KKEI) beginnen. Das Kompetenzzentrum soll laut Bundesforschungsministerin Svenja Schulze (SPD) die Dekarbonisierung energieintensiver Prozesse voranbringen: „Dabei sollen der Forschungsbedarf ermittelt, Forschungscluster gebildet sowie Finanzierungsmöglichkeiten identifiziert und erschlossen werden.“ Im Rahmen von Wissensplattformen und Erfahrungsaustauschen soll das Institut als Ideengeber am Übergang von Forschung und Entwicklung zur Markteinführung innovativer Klimaschutztechnologien wirken. Darüber hinaus ist geplant, das Kompetenzzentrum unter Einbindung des Umweltbundesamtes in Dessau mit der Umsetzung des geplanten Förderprogramms zur Dekarbonisierung in der Industrie zu beauftragen, für das im Energie- und Klimafonds 2019 erstmals Mittel eingeplant sind. Träger ist die Zukunft-Umwelt-Gesellschaft gGmbH in Kooperation mit der BTU Cottbus-Senftenberg.