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| 17:52 Uhr

Jubiläum
Der grüne Realist aus Byhleguhre feiert 60.

Lübben. Wolfgang Renner ist ein Urgestein von Bündnis 90/Die Grünen in Brandenburg: Naturparkleiter, Politiker, Hobbygärtner und Schlagzeug-Fan. Von Christian Taubert

Es war im Jahre 1992. Am Ortsausgang von Lübben Richtung Radensdorf steht ein Tramper am Straßenrand. Rucksack auf dem Rücken. „Den nehmen wir mit?“, überrumpelte ich kurzerhand Frau und Kinder. Ich weiß bis heute nicht, ob der junge Mann die mehr als 20 Kilometer bis Byhleguhre laufen wollte. Denn dorthin wollte er. Und es passte gut, dass wir auf dem Weg nach Cottbus durch das Spreewald-Dorf fuhren.

Mehr, als dass er aus München kam und in Byhleguhre sein „Traumhaus“ gefunden hatte, erfuhr ich damals nicht. In den Grundmauern des Gebäudes steckten übrigens Dutzende Plasteflaschen. Es musste trocken gelegt werden. Wie es einmal aussehen sollte, war schwer vorstellbar. Jetzt lädt der Hausherr zum 60. Geburtstag – zu einer grünen Fete im grünen Byhleguhre. Wolfgang Renner gehört zum Urgestein von Bündnis 90/Die Grünen in Brandenburg.

Dabei ist der Mann mit dem Pferdeschwanz am Marienplatz inmitten von München aufgewachsen. Hier trat er den Grünen bei, arbeitete zusammen mit Parteigründern wie Petra Kelly und Gerd Bastian. Die Zeit hat ihn geprägt. Immer wieder erinnert er in Gesprächen daran – auch, als er im Vorjahr zum zehnten Mal für die Grünen in einen Wahlkampf um ein Bundes- und Landtagsmandat ging. Damals, vor 25 Jahren, habe die SPD sie behandelt wie kleine Kinder, „die von der CSU wie Terroristen.“ Trotzdem gelang der jungen Partei erstmals der Einzug in den Bundestag. Seitdem ist das Leben von Wolfgang Renner dauerhaft verknüpft mit der Partei. In seinen Jahren als Student in Rheinland-Pfalz hätte er fast schon einmal für den Bundestag kandidiert. „Aber ich habe mich nicht als Pfälzer gefühlt, da hätte ich das Land nicht wirklich vertreten können.“

Die politische Wende hat ihn 1992 dann nach Brandenburg gezogen. Hier regierte eine Ampelkoalition mit SPD, FDP und Bündnis 90. Der bürgerbewegte Matthias Platzeck war Umweltminister und baute das Ressort Umwelt- und Naturschutz neu auf. Der Biologe Wolfgang Renner wurde für den Aufbau der Landesanstalt für Großschutzgebiete ebenso gebraucht wie der heutige grüne Fraktionschef im Landtag Axel Vogel. Auch im Landesvorstand der Grünen, die nach der Ampel 1994 für lange Jahre aus dem Landtag flogen, arbeiten die beiden zusammen. Erst Dezernatsleiter im Landesumweltamt, dann Leiter des Naturparks Schlaubetal – die berufliche Karriere war stets verbunden mit grünem Engagement in der Ökopartei.

So hat er sich besonders für das Volksbegehren gegen neue Tagebaue engagiert und wurde Gründungsmitglied des Aktionsbündnisses „Klare Spree“. Als Erfolg grüner Politik im Land sieht er es an, „dass es kein neues Kraftwerk und auch den Tagebau Jänschwalde-Nord nicht geben wird“. Er fügt hinzu, „dass wir dies natürlich nicht allein verhindert haben“. Dass es ihm als Lausitzer dennoch um eine verantwortungsvolle Umsetzung der Energiewende geht, hat ihm der Kreisverband 2017 zugutegehalten und ihn für seinen zehnten und letzten Wahlkampf als Bundestags-Direktkandidaten gekürt. „Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass ein sofortiger Ausstieg aus der Kohle nicht funktionieren wird, auch wenn manche das noch so sehr wollen“, hatte er damals auf einen gesellschaftlichen Konsens über einen Kohleausstieg hingewiesen.

Beim Potsdamer Listen-Parteitag hat ihn diese Position den sicher geglaubten Platz hinter Annalena Baerbock gekostet. Die Vertreter aus Brandenburgs Kreisverbänden haben ihn durchgereicht auf Platz sechs. Erst wollte Renner die grüne Welt nicht mehr verstehen, dann aber hat er sich im Wahlkampf reingehangen, weil Mitregieren für seine Partei in einer Jamaika-Koalition so nahe war. Allerdings hatte der grüne Realist mit dem Pferdeschwanz schon vorab gesagt, was für seine Partei kommen muss: „Ohne verbindliche Zahlen zum Kohleausstieg und den damit verbundenen Klimazielen wird es keine schwarz-gelb-grüne Koalition im Bund geben. Weil die grüne Basis das nicht akzeptieren wird.“ Regieren habe für ihn, so Renner, „keinen Selbstzweck. Es muss immer um Inhalte und Zukunft gehen.“

Einmal im Bundestag für grüne Ziele zu streiten, vielleicht sogar mitzuregieren – dieses politische Ziel, das 2013 so nah war, ist Wolfgang Renner verwehrt geblieben. Dennoch ist er mit seiner Partei im Reinen. Wenn er heute Abend mit Lebensgefährtin und den beiden Kindern, mit Freunden und Gästen am Schwimmteich in Byhleguhre Geburtstag feiert, tritt das aber in den Hintergrund. Es wäre vielmehr Zeit, das Schlagzeug aufzubauen und zu zeigen, was der Unterricht des „ältesten Schülers“ am Cottbuser Konservatorium gebracht hat.

Übrigens habe ich erst Jahre später die Geschichte des Trampers von 1992 erzählt. . .