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| 19:02 Uhr

Weltgrößten Reisemesse
Hello Fernost oder Wie fern ist der Osten?

 Ferner Osten ganz nah: Zwischen malaysischer Folklore und Kahnfahrten auf Indonesisch überrascht eine Begegnung mit der Mongolin Saruul Oimod (5.v.l.), die auch Cottbus kennt.
Ferner Osten ganz nah: Zwischen malaysischer Folklore und Kahnfahrten auf Indonesisch überrascht eine Begegnung mit der Mongolin Saruul Oimod (5.v.l.), die auch Cottbus kennt. FOTO: Ida Kretzschmar
Berlin. Streifzug auf der ITB in Berlin auf der Suche nach dem vergesslichen Touristen – und anderen Gründen für Reiseentscheidungen. Von Ida Kretzschmar

„Hello Fernost“ lockt ein überdimensionales Plakat am Haupteingang der weltweit größten Reisemesse. Die Internationale Tourismusböre (ITB) in Berlin hat zum Partnerland in diesem Jahr Malaysia auserkoren. Freilich sorgte das muslimisch geprägte Land in Südostasien schon im Vorfeld für Kopfschütteln. Die Frage eines Journalisten, ob das Reisen in Malaysia für Juden und Homosexuelle sicher sei, wollte Tourismusminister Datuk Mohammaddin bin Ketapi nicht beantworten.

Während des ersten Messetages aber zieht das exotische Flair dennoch viele Fachbesucher an, scheint die politische Situation in den Hintergrund zu treten. Folkloristische Darbietungen wecken Sehnsüchte nach dem fernöstlichen Reiseziel – und auch seine Nachbarländer.

 Internationale Tourismus Börse 2019
Internationale Tourismus Börse 2019 FOTO: Ida Kretzschmar

Stunden entfernt, will man die Messehallen nicht gerade im Sauseschritt durchlaufen, ist es vom Osten Deutschlands entfernt. Wie beeinflussen Negativschlagzeilen von Dresden, Chemnitz bis zur Oberlausitz und Cottbus Reiseentscheidungen?

Auch, wenn hier mit Kahnfahrten auf Indonesisch geworben wird: Kaum anzunehmen, dass man in Fernost darauf Antworten bekommen kann. „Natürlich kenne ich Cottbus“, widerlegt diese Vermutung eine mongolische Schönheit im traditionellen Gewand. Die 27-jährige Saruul Oimod studiert Bauwesen in Berlin: „Ich habe ein Jahr in Cottbus gelebt, aber die Stadt hat mir eher die kalte Schulter gezeigt“, erinnert sie sich. Urlaub verbringe sie lieber dort, wo Wärme herrscht.

 Bettina Oecknigk und Susanne Dobs werben auf der ITB für Ideen aus dem Elbe-Elster-Kreis: Kulturschatzsucher und ganz neu: E-Bike-Touren für Familien.
Bettina Oecknigk und Susanne Dobs werben auf der ITB für Ideen aus dem Elbe-Elster-Kreis: Kulturschatzsucher und ganz neu: E-Bike-Touren für Familien. FOTO: Ida Kretzschmar

Hui Shan, der aus einem kleinen Ort aus China kommt, „so groß wie Lübbenau“, wie er mit größter Selbstverständlichkeit bemerkt, hat da andere Erfahrungen gemacht: „Ich habe schon den Gurkenradwanderweg ausprobiert – ein lustiges Reiseziel“, erzählt der Reiseleiter, der in Berlin lebt. „Eine Bekannte von mir wohnt in Cottbus, es gibt schon Ängste nach den Nachrichten aus der Stadt. Aber ich habe viel mehr Angst nach Paris zu fahren, nachdem, was dort alles passiert ist“, bekennt der 40-Jährige.

Ist der Osten Deutschlands nach den immer wieder aufploppenden Negativschlagzeilen für viele Reiselustige weiter in die Ferne gerückt?

Das am 7. März veröffentlichte Sparkassentourismus-Barometer Ostdeutschland dokumentiert: „Der Tourismus bleibt auf Wachstumskurs, aber Ostdeutschland verliert das dritte Jahr in Folge Marktanteile, auch im Vergleich der Flächenbundesländer.“ Und doch kann Ostdeutschland mit der Zufriedenheit der Übernachtsgäste punkten: „Die Wiederbesuchs- und Weiterempfehlungsabsicht liegen für die fünf Bundesländer über dem Bundesniveau“, hat das Barometer ergeben.

 Fontane auf Wanderschaft – auch in der Brandenburg-Halle 12 auf der ITB.
Fontane auf Wanderschaft – auch in der Brandenburg-Halle 12 auf der ITB. FOTO: Ida Kretzschmar

Aber dazu muss man diese Reiseziele erst mal kennen. „Cottbus?“ Noch nie gehört“, schütteln kroatische Studenten den Kopf, die mit Taschen behängt auf der Messe reichlich Inspirationen mitnehmen.

„Ich bin seit fünf Jahren bei ,Reiseguru’. Noch nie hat da jemand nach Cottbus gefragt“, sagt die Studentin der Neurobiologie Kirsten Schmerder, die nebenher in einem Online-Reiseportal Reiseträume verwirklichen hilft. „Ich selbst komme nicht so oft in Deutschland herum. Im Osten war ich nur als Kind, aber den Süden kenne ich auch nicht“, gesteht die 25-Jährige aus der Nähe von Dortmund: „In diesem Jahr geht es für mich nach Norwegen. Ich schaue schon genau hin und würde zum Beispiel derzeit nie in die Türkei reisen. Ich unterstütze den Tourismus nicht in einem Land, das Menschen unterdrückt“, hat die 25-Jährige eine klare Haltung dazu.

„Politik sowie Sympathie- und Antipathiewerte spielen bei Entscheidungen unserer Reisegäste eine große Rolle“, bestätigt Peter Mario Kubsch, Geschäftsführer von Studiosi-Reisen.

So gab es nach dem Arabischen Frühling eine große Verunsicherung. „Nach sieben mageren Jahren aber verzeichnen wir im arabischen Raum einen großen Aufschwung“, weiß er.

 Katrin Prenzel will in der Europastadt Görlitz Weltkultur erlebbar machen.
Katrin Prenzel will in der Europastadt Görlitz Weltkultur erlebbar machen. FOTO: Ida Kretzschmar

Insgesamt boomte die Nachfrage nach Reisen ins Ausland: Mehr als 51 Millionen Urlaubsreisen, so viele wie nie zuvor, führen über die Grenzen Deutschlands hinaus. Unangefochten an der Spitze der deutschen Lieblingsreiseziele blieb Spanien, das im vergangenen Jahr das Ziel für 13,7 Prozent aller Ferientrips war. Italien folgte mit 8,1 Prozent vor der Türkei, die mit 5,1 Prozent schon wieder den dritten Platz der Auslandsziele eroberte.

Die Türkei gewann 2018 mit 8,5 Millionen zusätzlichen Besuchern aus aller Welt besonders viele Gäste hinzu. Das zeigt der auf der ITB vorgestellte World Travel Monitor 2018/2019. Und auch in Ägypten, Tunesien und Griechenland ist die Nachfrage wieder deutlich angestiegen.

Was Ostdeutschland betrifft, spürt der Reiseveranstalter Studiosi keine Rückgänge durch Negativschlagzeilen: „Die kulturinteressierten Gäste betrachten das differenziert. Die Semperoper in Dresden ist nach wie vor nachgefragt. Sensibler reagiert man da wohl aus dem Ausland“, sagt der Geschäftsführer.

„Ich bin überrascht, wie viele Menschen, auch trotz der Ereignisse im vergangen September, Chemnitz entdecken wollen. Auch aus dem Ausland“, hält die 19-jährige Jessica Spranger entgegen. Die Stadt setzt wie ganz Sachsen auf Industriekultur – und auf den vergesslichen Touristen.

Sachsen vermeldet mit mehr als 20 Millionen Übernachtungen 2018 einen historischen Rekord. Und auch in Brandenburg wurden mit mehr als fünf Millionen so viele Gäste begrüßt wie noch nie.

„Auch im Spreewald können wir uns über zu wenig Gäste nicht beklagen. Es gibt wieder ein großes Plus“, sagt Josephine Heinze vom Tourismusverband Spreewald in Raddusch. In diesem Jahr locken nicht nur Ruhe, Fließe und Wellness, sondern, wie in ganz Brandenburg, auch zahlreiche Begegnungen mit Fontane, der ja auch durch den Spreewald gewandert ist.

Sie genießt sehr die Natur vor der Haustür. „Aber ich würde auch gern mal über den Großen Teich schauen“, sagt sie. Von einem Mister Trump ließe sich die junge Reiselustige nicht abhalten.

Für Gerd Geipel von der CMT Cottbus indes ist das politische Klima am Urlaubsort wichtig. Deshalb bemüht er sich auch hier am langen Messetresen mit dem Spreewald und Tropical Islands, die Attraktivität der eigenen Region wieder ins richtige Licht zu rücken. Noch vor einem Jahr war sie bundesweit mit großen Fragezeichen versehen: Auseinandersetzungen und Angriffe hatten Cottbus nicht nur negative Schlagzeilen, sondern durchaus auch Sorgen in der Hotelbranche beschert. Auch wenn die Gästezahlen noch schwanken: „Das Tal scheint durchschritten“, hofft er.

Wie auch Katrin Prenzel in der Oberlausitz. „Als es in Bautzen gebrannt hat, wurden wir auf den Reisemessen regelrecht angefeindet“, erinnert sich die Leiterin der Görlitz-Information. Die Pauschalverurteilung habe sich inzwischen gelegt: „Wir leben Europastadt, zeigen Weltoffenheit. Und befeuern so den gesunden Menschenverstand.“