Unter mehr als 200 Produktionen, die  das 29. Filmfestival aufgeboten hat, werden nun die Preisträger ermittelt, unter anderem der Zuschauer-Liebling, der den von der Lausitzer Rundschau gestifteten Publikumspreis erhält. Am Samstagabend werden die Preise in der Stadthalle Cottbus verliehen. Als Abschlussfilm wird der polnische Beitrag „Corpus Christi“ gezeigt.

Internationale Jury vergibt Hauptpreis

Die wichtigsten Preise des Festivals sind der Hauptpreis für den besten Film, der Preis für die beste Regie sowie die Preise für eine herausragende Darstellerin und einen herausragenden Darsteller.

Über diese entscheidet die  internationale Jury um den russischen Regisseur Sergey Dvortsevoy, der im vergangenen Jahr mit seiner Produktion „Ayka“ den Hauptpreis für den besten Film in Cottbus gewann.

Vier starke Spielfilme komplettierten am Freitag den Wettbewerbsjahrgang des 29. Festivals, in dem  zwölf Beträge aus 17 Produktionsländern an den Start gegangen sind – sämtlich deutsche, zwei internationale Ur- und zwei Welturaufführungen.

Filmfestival Cottbus 2019 Auf einen Vodka mit...

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Beinahe von der Mafia getötet

 „Schwester“, eine Koproduktion von Bulgarien und Katar in der Regie von Svetla Tsotsorkova, porträtiert die junge Rayna. Sie lebt in der eintönigen bulgarischen Provinz, verkauft Tonfiguren an Touristen und erzählt gern Lügengeschichten: Ihre gesamte Familie wäre von der Mafia brutal ermordet worden, als sie noch ein Kind war.

Wahlweise: Ihre Mutter hätte sie verlassen, weshalb sie im Heim aufwachsen musste.

In Wirklichkeit lebt und arbeitet sie mit Mutter und Schwester zusammen, nur vom Vater weiß sie nichts. Es geht die Rede, dass die Mutter früher keine Frau von Traurigkeit war.

Rayna ist neidisch auf ihre große Schwester, mit der sie sich oft streitet, die einen Freund hat: den Automechaniker Miro. Als der in Schwierigkeiten gerät, ist Rayna diejenige, die ihm zu Hilfe eilt.

Wer allerdings immer wieder lügt, dem wird irgendwann mal nicht mehr geglaubt . . . Und wie war das eigentlich noch mit der Vergangenheit der Mutter? Sehenswerter zweiter Spielfilm von Svetla Tsotsorkova. Er wird nochmals  am Sonnabend um 14.30 Uhr im Weltspiegel aufgeführt.

Verbrechen aus Verzweiflung

Es ist Vollmond, da drehen viele Leute durch, und die Polizei hat mehr zu tun als sonst. Der junge Polizist Hamza schafft es vor seinem Nachtdienst gerade noch, seine hochschwangere Frau in die Klinik zu bringen. Es wird eine problematische Geburt, aber Hamza muss los.

Die Zellen sind voller Gefangener, die ihre Straftaten aus Verzweiflung begangen haben: eine Minderjährige, die anschaffen geht, ein Mann, der kein Geld für die Stromrechnung hat, ein Bankräuber, der die Operation seines Kindes bezahlen muss.

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Hamza weiß, dass diese Leute nicht in den Knast gehören, aber er ist Polizist! Wenn die gleichen Regeln nicht für alle gelten, gibt es keine Ordnung mehr.

Andererseits: Die reichen Verbrecher können sich freikaufen, und Hamzas Kollegen halten bereitwillig die Hände auf. Wie wird er sich entscheiden?

Das Spielfilmdebüt „Full Moon“ des bosnischen Regisseurs Nermin Hanzagic kommt protokollarisch daher, verhalten, und ist doch eine klare Anklage. Wiederholt wird der Streifen am Sonnabend um 17 Uhr im Weltspiegel.

Ohne Worte

 Alexander Kott aus Russland hatte 2014 für „Der Test“ den Spezialpreis für die beste Regie in Cottbus erhalten, „Die Maisinsel“ des Georgiers George Ovashvilis wurde im selben Jahr Publikumspreisträger. Was beide Filme verbindet: Es wird (fast) kein Wort gesprochen.

Der aktuelle Festivaljahrgang hat  erneut einen Wettbewerbsfilm ohne Worte im Programm, und auch der sollte große Chancen auf einen Preis haben: „Die Abenteuer von Sukran der Lahmen“ von Onur Ünlü ist ein Beitrag aus der Türkei, die damit als Festivalland in Cottbus debütiert.

Ohne Worte: „Die Abenteuer von Sukran der Lahmen“ aus der Türkei, die erstmals in Cottbus vertreten ist.
© Foto: Foto: 29. Filmfestival Cottbus

Sukran hat als Kind einen Unfall und seitdem ein steifes Bein.  Doch sie lässt sich davon nicht unterkriegen, hat Träume und Sehnsüchte, aber auch immer wieder Pech. Oder nicht? Ist es manchmal doch Glück,  dem sie nachhilft?

In dieser frechen, schrägen, flotten, knallbunten Geschichte wird reichlich gehasst, geliebt, geschossen, gekotzt, gestorben. Und  das Rollenbild in der Türkei auf den Prüfstand gestellt. Männer, nehmt euch lieber in acht! Wiederholt wird der Film am Sonnabend um 12.30 Uhr im Weltspiegel.

Ein Youtuber in der Tundra

Der junge Altan aus reichem Elternhaus hängt nur im Internet rum und baut an einer Karriere als YouTuber, indem er einen Channel namens „Absurdgram“ betreibt. Von seinem Vater hat er sich entfremdet, der aber nun durchgreift: Der Junge wird für eine Weile in den hohen Norden Jakutiens  auf eine Fuchsfarm geschickt. Smartphone geht da auch, das Internet an der arktischen Laptevsee liefert der Satellit. Aber trotzdem: Wie soll das gut gehen,  mutterseelenallein in der Tundra?

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Nein, er ist ja doch nicht allein. Eines Tages trifft Altan auf den alten Einsiedler Baibal, der vor Jahren Frau und Tochter bei einem Bootsunglück verloren hat. Baibal lässt sich gehen, will eigentlich nur noch sterben.

Der zunächst verschlossene Altan jedoch taut auf, zeigt dem Alten, dass es sich trotzdem lohnt, jeden Tag zu genießen. Und versteht vom verschrobenen Baibal vor allem: Wünsche nicht aufzuschieben. Die beiden  lernen voneinander, unternehmen Dinge miteinander, lachen gemeinsam.

Hier treffen neue Medien auf alte Mythen, vernetzte Welten auf persönliche Erinnerungen.

Berührend zu sehen, wie die beiden sich annähern und befreunden, wie sie sich diese Beziehung entwickelt. Das erinnert natürlich an „Ziemlich beste Freunde“, ist aber eine sehr eigenständige jakutische Variante: „Die Sonne über mir geht nie unter“ von Regisseurin Lyubov Borisova (Russland) läuft noch einmal am Sonnabend um 10 Uhr im Weltspiegel. (Mein Favorit!)