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Zum ersten Mal Fenster geputzt

Aufmerksame Zuhörer: Nadine Winkler (M.) stellte ihre Aufgabengebiete im Sozialtherapeutischen Zentrum "Haus am Hain" vor.
Aufmerksame Zuhörer: Nadine Winkler (M.) stellte ihre Aufgabengebiete im Sozialtherapeutischen Zentrum "Haus am Hain" vor. FOTO: aml
Weißwasser. Ob Kita oder Blumenladen. Sind das nur Arbeitsplätze für Frauen? Um das für sich zu ergründen, erhielten Schüler aus Weißwasser auch in diesem Jahr die Möglichkeit, am bundesweiten Boy's Day "Frauen-Berufe" kennenzulernen. Anja M. Lehmann

Mechaniker, Betonbauer oder Maurer. Das seien typische Männerberufe. So viel stand für die sieben Jungen schon mal fest. Am vierten bundesweiten Boy's Day, an dem Jungen in vermeintlich von Frauen dominierte Berufe schnuppern können, haben sie sich für einen Praxis-Tag im Sozialtherapeutischen Zentrum "Haus am Hain" Weißwasser angemeldet.

Neben einer Führung durch die Wohnstätte für chronisch mehrfach geschädigt abhängigkeitskranke Menschen unterstützten die Schüler der Bruno-Bürgel-Oberschule Weißwasser und der Freien Schule Rietschen die Mitarbeiter des Zentrums bei ihren Aufgaben. Sie lernten die verschiedenen Berufe der sozialen Einrichtung kennen.

Anders als Sozialpädagoge, Heilerziehungspfleger oder Ergotherapeut seien jedoch Friseur oder Kita-Erzieher noch immer eher "typische Frauenberufe", stellen sie in einer kleinen Diskussionsrunde fest.

"Aber ich kann mir auch vorstellen, Erzieher zu werden", wirft Aaron ein. "Ich mag Kinder und spiele gern", so der Zwölfjährige. "Mein Kita-Erzieher war auch ein Mann, das war cool", pflichtet Markus (13) bei.

"Wir haben hier mittlerweile auch einen guten Männeranteil", erklärt Nadine Winkler, Ergotherapeutin im "Haus am Hain". Sie regt die Jungen zum Nachdenken an. Bevor zwei ihrer Kollegen ihre Berufe vorstellen werden, sollen die Schüler mögliche Fragen und ihre Erwartungshaltung zu Papier bringen. "Was sind die Aufgaben? Welche Stärken muss ich mitbringen? Was verdient man?", hat sich Eduard notiert.

Er habe an dem Praxis-Tag zum ersten Mal in seinem Leben Fenster geputzt. "Dabei sind wir mit den Bewohnern ins Gespräch gekommen, sie haben von ihrem Alltag erzählt, wie sie sich fühlen und wie lange sie schon hier sind", schildert der 13-Jährige. Berührungsängste hätte er dabei nicht gehabt.

Auch Emil fand die Einblicke in das Zentrum interessant. Im vergangenen Jahr habe der 17-Jährige den Boy's Day in einer Physiotherapie verbracht. "Das könnte ich mir eher vorstellen, weil ich ein sportlicher Typ bin." Nach seinem Abschluss möchte er aber eigentlich eine Ausbildung als Modellbauer absolvieren. "Auch eher ein typischer Männerberuf", findet der Neuntklässler. Seine Eltern ließen ihm bei der Berufswahl freie Hand. "Sie geben Tipps und unterstützen, reden mir aber nicht rein", sagt er.

Auch Lucas möchte nach seinem Abschluss in der Region bleiben. Im letzten Jahr habe er sich am Boy's Day ein Dentallabor angeschaut, so der 15-Jährige.

Viele Mädchen aus ihrer Klasse würden den Girl's Day in Görlitz verbringen, berichten die Jungs. Denn mit einem Freifahrtschein des Zvon konnten die Schüler am Donnerstag alle Busse und Bahnen gratis nutzen. "Die meisten interessieren sich für die Polizei und für die Brauerei", sagt Emil und grinst: "Es sind halt Mädchen, die nutzen die Gelegenheit und verbinden den Praxis-Tag mit Shopping."

Zum Thema:
Der bundesweite Aktionstag Girl's-Day wurde 2014 bereits zum 14. Mal veranstaltet. An ihm erhalten Mädchen die Möglichkeit, in männerdominierte Berufe reinzuschnuppern. Das Pendant zu diesem Angebot, der Boy's Day für Jungen, wurde erst 2011 eingeführt. Der Zukunftstag soll Schüler dazu motivieren, das Rollenverhalten in der Berufswahl zu hinterfragen.