Von Christian Köhler

Noch vor einem Monat ist in fast jedem Politiker der Drang gestiegen, sich in Ostsachsen blicken zu lassen. Kein Wunder, es war Landtagswahlkampf. Inzwischen ist Ruhe eingekehrt – und die Probleme sind geblieben. Etwa die des öffentlichen Nahverkehrs. Der Stadtverein Weißwasser um dessen Vorsitzenden Frank Schwarzkopf etwa hatte Monate auf die finanzielle Misere des DB-Reisecenters in Weißwasser hingewiesen, die der Verein betrieben hat. Nun soll es Ende des Jahres geschlossen werden, weil es nicht mehr finanzierbar ist.

Vertrag zum Ticketverkauf endet in ganz Ostsachsen

Dabei ist das Wegbrechen der Fahrscheinverkaufsstellen der Deutschen Bahn nicht nur auf Weißwasser beschränkt, sondern ein Problem in ganz Ostsachsen. Bahn-Sprecher Jörg Bönisch bestätigt: „Der Vertrag für den Ticket-Vertrieb läuft zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember aus.“ Das bedeutet konkret, dass es die DB-Reisecentren in Bautzen, Görlitz oder Bischofswerda so nicht mehr geben wird. Bislang nämlich hat die Deutsche Bahn (DB) den Vertrieb sämtlicher Tickets – auch der des Verkehrsbundes Zvon – übernommen. Allerdings endet der Vertrag für diese Dienstleistung mit besagtem Fahrplanwechsel.

Länderbahn ist nun in der Verantwortung

Rückblick: Der Plan der DB, mehr Geld ins Regionalnetz in Ostsachsen zu stecken, scheiterte. Die eigens gegründete „Start Ostsachsen GmbH“, eine Tochter der DB Regio Ost, hatte sich auf die Ausschreibung für die Betreibung des Bahnnetzes zwischen Dresden und Görlitz beworben. Und zunächst hatte diese auch den Zuschlag für die nächsten zwölf Jahre erhalten. Denn die vier Aufgabenträger für den Schienenpersonennahverkehr in Ostsachsen – die Zweckverbände Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon), der Verkehrsverbund Oberelbe (ZVOE), sowie die tschechischen Verbünde Liberecký kraj (LK) und Ústecký kraj (ÚK) hatten vor, die Leistungen im Ostsachsennetz zum Dezember 2019 neu und in einem größeren Leistungspaket zu vergeben.

Deutsche Bahn verliert die Ausschreibung

Gegen die Entscheidung, das Paket an jene Bahn-Tochter zu vergeben, hatte die unterlegene Länderbahn geklagt. Vor dem Oberlandesgericht Dresden und der Vergabekammer Sachsen erstritt die private Länderbahn, dass die „Start Ostsachsen GmbH“ nicht gebunden werden darf. Die DB-Tochter sei nicht in der Lage, die Verkehrsleistung sicher zu erbringen, hieß es.

Im Ausschreibungspaket enthalten ist allerdings nicht nur der Betrieb des Streckennetzes, sondern auch der Vertrieb der Tickets. Und den hatte bislang die Bahn inne. Fraglich ist es daher, ob den verantwortlichen Trägern dies bewusst gewesen ist, als im Mai diesen Jahres zur großen Feier nach Bautzen geladen wurde. Dort hatte Der Zvon-Vorsitzender und Bautzener Landrat Michael Harig (CDU) noch gehofft, dass dies „der letzte Dieselvertrag ist, den wir abschließen“ – schließlich strebe man die Elektrifizierung des Ostsachsennetzes an. An den ticketverkauf hatte damals offenbar niemand gedacht.

Sicher ist derzeit noch nichts

Sei es drum: „Wir können die Frage nicht beantworten, wo die Fahrgäste künftig ihre Tickets herbekommen“, sagt DB-Sprecher Jörg Bönisch der RUNDSCHAU. Auf Nachfrage bei der Länderbahn, die nun zuständig ist, könne man noch keine Aussage treffen. „Wir analysieren gegenwärtig die Lage“, sagt Länderbahn-Sprecherin Sylvia Habmann-Gradel. Ferne könne man sich derzeit nicht dazu äußern, welche Fahrkartenverkaufsstellen in Ostsachsen tatsächlich erhalten bleiben und welche nicht. Der Länderbahn sei die Lage der Kundschaft bewusst, „und wir werden sicher nicht alle Verkaufsstellen schließen“. Unklar ist jedoch, ob es dort auch Fernverkehrstickets für die DB geben wird.

Zvon verhandelt mit der Stadt Weißwasser

Unterdessen regt sich in Weißwasser Widerstand. Immerhin, so teilen der RUNDSCHAU mehrere Leser mit, gehe mit dem Verlust des Fahrkasten-Schalters im Bahnhof „ein Stück Lebensqualität wieder einmal verloren“. Die Stadtverwaltung Weißwasser, wie Wulf Stibenz bestätigt, führe deshalb Gespräche mit dem Zvon. Der Verkehrsverbund habe ein „Interesse daran, dass es einen Fahrkartenverkauf und damit einen persönlichen Service für die Fahrgäste in Weißwasser möglichst im Bahnhof gibt“, erklärt Zvon-Sprecherin Sandra Trebesius. Der Ausgang der Gespräche dazu sei allerdings ebenfalls offen.

Und die Politik? Die ist momentan in Ostsachsen nicht anzutreffen – immerhin ist ja auch kein Wahlkampf mehr.