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| 20:30 Uhr

Strukturwandel
Boxberg macht es an der Zahl der Arbeitsplätze fest

 Blick über den Tagebau Reichwalde auf das Kraftwerk Boxberg. 2018 wurden am Arbeitsort Boxberg 1907 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte gezählt. Für die braucht es nach dem Kohleausstieg Alternativen.
Blick über den Tagebau Reichwalde auf das Kraftwerk Boxberg. 2018 wurden am Arbeitsort Boxberg 1907 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte gezählt. Für die braucht es nach dem Kohleausstieg Alternativen. FOTO: Regina Weiß
Boxberg. Gemeinderat fasst Grundsatzbeschluss und fordert den Bund auf, nachweisbare Wachstums- und Beschäftigungsziele beim Braunkohleausstieg zu formulieren. Von Regina Weiß

Über 170 Vorschläge für die sächsische Lausitz stehen im Abschlussbericht der Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung (kurz Kohlekommission). Und doch reicht das den Boxberger Gemeinderäten nicht aus. „Auch 1990 sind uns viele Versprechungen gemacht worden“, erinnert Roman Krautz, Amtsleiter Wirtschaftsförderung, an die Zeit kurz nach der Wende. Und jeder, der an dem Abend bei der gemeinsamen Beratung beider Ausschüsse am Tisch sitzt, weiß, was an Arbeitsplätzen erhalten geblieben ist. Deshalb machen die Boxberger ihre Forderungen an konkreten Zahlen fest: An sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten am Arbeitsort Boxberg, dem Gesamtumsatz der Unternehmen im Bergbau und verarbeitenden Gewerbe sowie an bezahlten Entgelten eben der dortigen Beschäftigten. Boxberg will – so unterstützen es Bürgermeister und Gemeinderäte mit einem einstimmigen Beschluss –, dass mit dem Kohleausstieg nicht nur konkrete Klimaziele formuliert, sondern auch statistisch nachweisbare Wachstums- und Beschäftigungsziele festgemacht und in ein Bundesgesetz Strukturwandel gegossen werden. Denn genau diese messbaren Absichten fehlen den Boxbergern bislang. „Und was ist Nachhaltigkeit? Gut bezahlte Jobs“, unterstreicht Krautz.

Die Boxberger werden aber auch so konkret, weil ihnen der vorliegende Abschlussbericht zu viel Wünsch dir was enthält. „Ich komme mir vor wie auf dem Postamt in Himmelpfort.“ Vergleicht Gemeinderat Horst Jannack (Linke) die Vorschläge aus dem Abschlussbericht mit einem riesengroßen Wunschzettel. „Wenn fünf Prozent davon umgesetzt wird, können wir wahrscheinlich schon zufrieden sein“, ereifert sich Ratskollege Gunna Sock (WV Boxberg). Elektrifizierung Dresden-Görlitz oder die Verlängerung der B 178 in den Norden – „ich lach mich kaputt. Jeder weiß doch um die lange Planungszeit“, findet es Sock nicht wirklich lustig. Auch Sigrun Hajdamowicz stimmt in den Negativ-Kanon ein. Für die CDU-Rätin ist dieser Ausstieg aus der Braunkohle eine technische Fehlleistung, wo doch weltweit 1400 Braunkohlekraftwerke gebaut werden. „Es ist eine Energiewende ins Nichts“, findet sie. Hinzu kommt, dass die Boxberger ahnen, dass sich über die Vielzahl der Vorschläge trefflich streiten lässt. Am Ende zanken sich alle und nichts passiert...

Für Bürgermeister Achim Junker (CDU) ist der Grundsatzbeschluss ganz wichtig. „Klar wäre es für uns auch schön, wenn das Ohr (Anm. d. Red.: Amphitheater am See) überdacht werden würde. Es würde uns helfen, aber keine Arbeitsplätze bringen“, sagt der Bürgermeister. Und dafür braucht es Strukturen. Die zu schaffen, sollte aus Boxberger Sicht nicht auf die lange Bank geschoben werden.

Aus Sicht der Gemeinde müssen mindestens 20 Jahre vor planwirtschaftlichen, bundespolitischen Entscheidungen zur etwaigen Stilllegung der Energieversorgungsanlagen zukunftssichere Alternativen für unsere im Jahr 2018 gemeldeten 1907 (2014: 2175) sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten am Arbeitsort Boxberg geschaffen werden. Krautz unterstreicht außerdem, dass in den Betrieben des Bergbaus und des verarbeitenden Gewerbes mit über 20 Beschäftigten allein ein Gesamtumsatz von fast 400 Millionen Euro und bezahlte Entgelte von rund 90 Millionen Euro erwirtschaftet wurden. So schreibt es das Statistische Landesamt des Freistaates fest. Ferner wollen die Boxberger auch, dass Energie für jeden im Land bezahlbar und somit die Industrie weltweit wettbewerbsfähig bleibt.