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| 17:32 Uhr

Aus der Geschichte
In die alte Heimat „Priebs“

 Ewelina Rzepka, von Gemeinde Przewòsz (v.l.), Johanna Hoffmann, Egon Rother sowie Alfred Junge und Mariusz Strojny, Bürgermeister von Przewòsz.
Ewelina Rzepka, von Gemeinde Przewòsz (v.l.), Johanna Hoffmann, Egon Rother sowie Alfred Junge und Mariusz Strojny, Bürgermeister von Przewòsz. FOTO: Steffen Bistrosch
Klein Priebus. Teil 1: Wie eine Fahne der Gemeinde Priebus an der Neiße wieder die beiden getrennten Orte in Deutschland und Polen verbindet. Eine RUNDSCHAU-Serie in mehreren Teilen. Von Steffen Bistrosch

Der Wagen mit dem Kennzeichen aus Frankfurt/ Main hüpft über Unebenheiten auf dem Asphalt. Auf der Rückbank klappern Gehstöcke, im Kofferraum der Rollator. Die Häuser in den kleinen Ortschaften, die Hanne, Alfred Junge und Egon Rother durchfahren, liegen oft weit voneinander verstreut. Menschen sind kaum unterwegs, die Kneipen haben hier schon lange geschlossen. Hier gibt es noch eine einsame Bäckerei, dort eine Agrargenossenschaft. Die meisten jungen Leute sind weg von hier. Der Arbeit wegen. Fahrradtouristen sind auf Durchreise. Der Natur wegen.

Der Mann am Steuer mit den widerspenstigen weißen Haaren spricht von früher. Die Stimme ist fest, die Erinnerung klar. Diese Straße gab es früher noch nicht, sie führte auf der anderen Seite der Neiße entlang. Hier war nur ein Weg durch den dichten Kiefernwald. Die Leute arbeiteten hart, auf dem Feld, in den Holzfabriken, den Ziegeleien, Ton- und Kiesgruben, den Braunkohlestollen. Irgendwann fehlten die Männer, die Frauen arbeiteten in der „Heeresmunitionsanstalt Priebus“. Zwangsarbeiter kamen von irgendwoher, Gefangene von der Ostfront.

Früher war Krieg. „Früher war es nicht besser“, sagt der alte Mann. Und alles sei besser als Krieg. Egon Rother weiß wovon er spricht. Er wurde 1931 geboren, auf der anderen Seite der Neiße, die nun Polen und Deutschland trennt. Seine Heimat hat er damals aufgeben müssen, wie Millionen andere auch. Deren Nachkommen wohnen inzwischen auf beiden Seiten des Grenzflusses.

Wenig wissen die Leute hüben wie drüben noch von den alten Zeiten. Am Kriegsende verlor Egon Rother fast alles, was er besaß. Erinnerungen blieben und Schmerzen. Bitternis verspürt er inzwischen nicht mehr. Wirklich nicht. „Es ist vorbei“, sagt er. Seine alte Schulfreundin Hanne sitzt mit im Auto. Sie war zum Kriegsende erst elf. Lebendig ist ihre Erinnerung dennoch. Sie fährt nicht oft an die Stätten ihrer Kindheit. Einen Grund vermag sie nicht zu benennen. Vielleicht, weil sie mehr zu verlieren hatten, als Egons Familie. Diese war nicht vermögend, Vater Hugo ein „Sozi“. Das war schwierig für die Familie zu jener Zeit. Hanne`s Familie dagegen besaßen eine gutgehende Dachdeckerfirma, Häuser, Grundbesitz.

Egon Rother kehrt dagegen so oft als möglich zurück, nach „Priebs“. Alle haben sie früher so genannt, sagt er. Heute fahren sie nach Przewóz, zum Bürgermeister Mariusz Strojny. Der jüngste im Bunde, der Alfred Junge, 82 Jahre, hat das Treffen organisiert. Egon Rother hat etwas in seinem Besitz, was ihm nicht gehört: Die alte Fahne des Ortes Priebus aus der Zeit vor den Nazis.

Die drei suchen nun einen würdigen Platz für die alte Fahne. Die Dorfschmiede, an der die Fahne hing, gibt es längst nicht mehr. Egon Rother hat die Fahne zusammengerollt und verborgen im Nachlass seines Bruders gefunden. Heinz und er hatten über die Fahne gesprochen, sie zurückzugeben wäre das Richtige, darin stimmten beide überein. Wer, wann auf welchen Wegen diese Fahne geborgen und Jahrzehntelang aufbewahrt und weitergereicht hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Mit dem Schlesischen Museum in Görlitz besteht inzwischen ebenfalls ein Kontakt. Nur bliebe die Fahne im Archiv erneut zusammengerollt und die meiste Zeit verborgen.

Die betagten Besucher sind aufgeregt. Wie wird der Empfang sein? Wollen die Polen die Fahne überhaupt? Das aber ist schließlich unbegründet. Mariusz Strojny wird seine Besuchern Egon Rother, Johanna Hoffmann und Alfred Junge auf das herzlichste willkommen heißen, er wird seine Vorstellungen erläutern: „Wir werden einen würdigen Platz für die uralte Fahne finden“, sagt er. Die Sprachbarriere überbrücken gemeinsam Ewelina Rzepka aus dem polnischen Gemeindeamt und Alfred, einst Oberschullehrer und später Hauptamtsleiter in der Partnergemeinde Krauschwitz.

Die beiden „echten“ Priebusser Hanne und Egon werden sich mit dem jetzigen Bürgermeister die Gemeinde ansehen und gemeinsam die Stätten ihrer Kindheit besuchen. Sie werden Strojny die Häuser zeigen, in denen sie wohnten, den Schulweg, die Spielplätze, die Stelle am Kuhberg an dem die Karussells bei den Heimatspielen standen, am Hungerturm vorbei an dem „Siegfried“ aufgeführt worden ist. Sie werden am Haus des früheren Spielwarenladens Wolf, an der ehemaligen Fleischerei Schöback, der Handvoll vergessener Gasthäuser, dem Marktplatz, auf dem der Jude Dr. Korn mit seiner Familie verhaftet und abgeführt worden war abfahren.  Die beiden Alten denken an glückliche Tage, aber auch an Geschehenes Leid wie an ihren Mitschüler, den „Eiermann“ mit dem eigentümlichen Gang. Er musste sterben, weil er seine Schwester vor der drohenden Vergewaltigung schützen wollte.

Mariusz Strojny ist den Deutschen gegenüber sehr respektvoll und höflich. Ein Empfang, den die Besucher sich so nicht hätten vorstellen können. Aber zunächst müssen sie gemeinsam beratschlagen. Manche Dinge wollen gut überlegt sein, wie der letzte Wunsch eines verstorbenen Bruders. Aus Wunden werden Narben. Aus Erinnerungen Geschichten. Aus Vergangenheit Gegenwart. Die alten Leute werden bald nach Priebus zurückkehren. Mit einer Entscheidung für die Zukunft.

 Egon Rother zeigt, wie die Fahne von Priebus, die noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammt, aussieht.
Egon Rother zeigt, wie die Fahne von Priebus, die noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammt, aussieht. FOTO: Steffen Bistrosch
 Ewelina Rzepka, von Gemeinde Przewòsz (v.l.), Johanna Hoffmann, Egon Rother sowie Alfred Junge und Mariusz Strojny, Bürgermeister von Przewòsz.
Ewelina Rzepka, von Gemeinde Przewòsz (v.l.), Johanna Hoffmann, Egon Rother sowie Alfred Junge und Mariusz Strojny, Bürgermeister von Przewòsz. FOTO: Steffen Bistrosch
 Egon Rother vor der Fahne von Priebus.
Egon Rother vor der Fahne von Priebus. FOTO: Steffen Bistrosch