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| 19:43 Uhr

Bad Muskau pflanzt nach
Wie Experten den Park in Bad Muskau verjüngen

 Holger Daetz erklärt anhand der abgestorbenen und nunmehr nachgepflanzten Blutbuche am Neuen Schloss, wie der Park behutsam verjüngt wird.
Holger Daetz erklärt anhand der abgestorbenen und nunmehr nachgepflanzten Blutbuche am Neuen Schloss, wie der Park behutsam verjüngt wird. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Bad Muskau. Wenn Pücklersche Baumriesen das Zeitliche segnen, wird an gleicher Stelle nachgepflanzt. Das klappt in der Regel, aber auch nicht immer. Von Torsten Richter-Zippack

Im kommenden März werden es bereits zehn Jahre, als die imposante Blutbuche am Neuen Schloss weichen musste. Der Baum aus der Pücklerzeit (gepflanzt 1826) war aufgrund seiner Schäden nicht mehr zu retten. Doch zumindest der Gehölzstumpf blieb damals erhalten. Es sollte nicht lange dauern, da kehrte das Leben in das Baumrelikt zurück. Eine junge Blutbuche wurde genau anstelle ihres Vorfahren gepflanzt. Ein langes Leben war der neuen Baumgeneration indes nicht beschieden. „Das Gehölz ging ein. Wir mussten dann einen zweiten Baum einsetzen“, erinnert sich der Döberner Landschaftsgärtner Jürgen Schönwälder, der damals mit Hand anlegte. Dieses Gehölz wollte es nun wissen. Inzwischen hat die junge Blutbuche, übrigens aus dem gleichen genetischen Material wie der Altbaum, einen Stammdurchmesser von geschätzten zehn bis 15 Zentimetern. „Ein würdiger Nachfolger“, resümiert Schönwälder.

Das Einpflanzen junger Gehölze in alte Baumstümpfe ist zu DDR-Zeiten auch im Muskauer Park erprobt und weiterentwickelt worden. Hauptvorteil, so erklärt Holger Daetz, Betriebsleiter der Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, sei, dass der Nachwuchs vom Vorgänger profitiere. Das gelte vor allem in Bezug auf Nährstoffe, aber auch wegen eines gewissen Schutzes.

Allerdings, dass merkt Jürgen Schönwälder an, funktioniere dies nicht bei allen Baumarten reibungslos. Gerade bei Buchen sei Vorsicht geboten. Bei Linden klappe das Prinzip Jungbaum in Altbaum hingegen relativ reibungslos. Beispielsweise bei der uralten Linde am Weg zwischen Kirchplatz und Altem Schloss. „Der Baum hatte während des Zweiten Weltkrieges einen Volltreffer erhalten, der die Baumkrone zerstörte. Diese war aber nach mehreren Jahrzehnten aus eigenen Kräften wieder hergestellt“, sagt Holger Daetz. Dennoch musste das Gehölz aus Altersgründen jüngst entfernt werden. Sein Nachfolger hält dem Standort mittlerweile seit zwei Jahren die Treue. Allerdings ist zuvor der Boden im alten Baumstumpf ausgetauscht worden.

Übrigens: Die aufgrund ihrer Kriegsverletzungen stark maserige Pücklerlinde hat sich der Schleifer Holzkünstler Thomas Schwarz gesichert. „Ich will aus ihrem Holz eine organische Struktur entwickeln“, kündigt er an. Erste Ideen seien vorhanden. Schwarz hat bereits zahlreiche gefällte Baum-Methusalems aus dem Park künstlerisch bearbeitet.

Nur einen Steinwurf von der Linde entfernt wacht die alte Platane direkt rechts neben dem Alten Schloss. Ursprünglich, so weiß Holger Daetz, besaß das Gehölz zwei Stämme. Einer der beiden musste in den 1960er-Jahren Rekonstruktionsarbeiten am Alten Schloss weichen. Inzwischen seien die Tage dieser imposanten Platane gezählt. Wie viel Zeit dem Baum aus der Pücklerzeit noch bleibt, könne indes niemand auf den Tag genau prognostizieren. Das Gehölz gehört zu einer Gruppe von insgesamt rund 150 Bäumen, die regelmäßig vom renommierten Hamburger Gutachter Dr. Dirk Dujesiefken untersucht werden.

Bereits vor über 100 Jahren erregten die Gehölze des Muskauer Parks großes Interesse bei den Mitgliedern der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft (DDG). Bei einem Aufenthalt der Experten anno 1909 wurden 227 Gehölze bestimmt und vermessen. „In anderen Parks war es lediglich ein Zehntel dieser Menge. Muskau muss also etwas ganz Besonderes gewesen sein“, kommentiert Daetz. Oft gab es auch makabere Kommentare der Baumkundler. Beispielsweise zu den beiden Sumpfzypressen am Neuen Schloss. Eine Anmerkung unter einem Foto aus dem Frühjahr 1931 lautete: „Trauerzug für Graf Adolf von Arnim. Sumpfzypresse im Hintergrund. Sieht auch schon schlecht aus.“ Heute ist vom einstigen Duo noch ein Exemplar erhalten.

Jahr für Jahr werden im Muskauer Park zwischen 30 und 40 Solitärbäume anstelle ihrer Vorgänger gepflanzt, rechnet Holger Daetz vor. Um den Park dauerhaft zu erhalten, müsse dieser behutsam verjüngt werden. Irgendwann werde es auch das letzte Gehölz aus der Pücklerzeit nicht mehr geben. „Das ist bei Denkmalen aus Stein, beispielsweise dem Kölner Dom, nicht anders“, sagt Daetz. In der Regel bestehe dort nur noch ein geringer Anteil aus originalen Steinen. Der überwiegende Teil wurde erst in späteren Jahrhunderten verarbeitet. „Und dennoch stehen wir heute noch immer vor dem originalen Dom. Das ist mit den Bäumen nicht anders. Denn sie wachsen nicht nur am gleichen Standort wie ihre Vorgänger, sondern bestehen meist auch aus dem gleichen genetischen Material.“

  Dort, wo einst der Zwillingsstamm der mächtigen Platane am Alten Schloss entfernt wurde, schwächen jetzt Pilze den verbliebenen Baumteil.
Dort, wo einst der Zwillingsstamm der mächtigen Platane am Alten Schloss entfernt wurde, schwächen jetzt Pilze den verbliebenen Baumteil. FOTO: Torsten Richter-Zippack