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| 02:58 Uhr

"Werbung mit niedrigen Löhnen ist falsch"

Hat seine Meinung über die Lausitz geändert: Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung bescheinigt der Region "große Probleme, aber auch viele Potenziale."
Hat seine Meinung über die Lausitz geändert: Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung bescheinigt der Region "große Probleme, aber auch viele Potenziale." FOTO: Uwe Menschner/ume1
Görlitz. Welche Perspektiven haben Grenzgebiete wie der Landkreis Görlitz im Wettbewerb der Regionen? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Diskussionsforums, das die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung am vergangenen Mittwoch in Görlitz veranstaltete. Uwe Menschner / ume1

Professor Joachim Ragnitz ist in Ostsachsen ein bekannter Mann. Spätestens, seitdem er im Dezember 2011 in einem Zeitungsinterview vorschlug, großflächig "Schweinemast- und Müllverbrennungsanlagen" in der Lausitz zu bauen, eilt dem stellvertretenden Geschäftsführer des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Dresden der Ruf voraus, die Perspektiven der Region eher pessimistisch zu beurteilen.

Heute räumt Ragnitz ein, dass sein früheres Urteil "zu negativ und von Vorurteilen geprägt" gewesen sei. Dies erklärte er zumindest auf dem Diskussionsforum der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, das sich am vergangenen Mittwoch mit "Perspektiven der Wirtschaftsförderung im Landkreis Görlitz" beschäftigte. "Im Vergleich der ostdeutschen Bundesländer ist die Lausitz eine ganz normale Region, mit vielen Erfolg versprechenden Potenzialen, aber auch vielen Problemen", so der Dresdner Wirtschaftsprofessor. Als Problem beispielsweise sieht er den "geringen Anteil des verarbeitenden Gewerbes, das nur 14 Prozent der Wirtschaftskraft im Kreis Görlitz ausmacht." Dabei müsse man allerdings stark zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil des Kreises differenzieren: Während letzterer "eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Unternehmen" aufweise, gebe es im nördlichen Teil "viel, viel Platz" - ein Vorteil bei der Suche nach Standorten für "flächenintensive Produktion."

Man müsse, so Ragnitz, "von der Vorstellung wegkommen, so werden zu wollen wie der Westen." Gleichzeitig konstatiert der Professor bei den "Hiergebliebenen" eine "gewisse Trägheit und mangelndes bürgerschaftliches Engagement", eine Auffassung, die bei den Mitdiskutanten auf erstaunlich wenig Widerspruch stieß.

Diesen - dem früheren sächsischen Wirtschaftsminister und jetzigen Bundestagsabgeordneten Thomas Jurk (SPD) sowie dem Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Oberlausitz, Holm Große, kam naturgemäß die Aufgabe zu, die positiven Seiten der ostsächsischen Grenzregion zu Polen und Tschechien herauszukehren, was ihnen auch mit Bravour gelang. Jurk versicherte, dafür sorgen zu wollen, dass bei den aktuellen Koalitionsverhandlungen "die Interessen dieser Region angemessen berücksichtigt werden." Die Lausitz als Wirtschaftsstandort abzuschreiben, sei falsch: "Selbst BMW hätte sich fast in Kodersdorf angesiedelt." Holm Große wusste mit Zahlen die Auffassung zu widerlegen, dass die Lausitz innerhalb Sachsens "abgehängt" sei: "30 Prozent der Wertschöpfung im sächsischen Maschinenbau, 35 Prozent in der Kunststoffindustrie und 55 Prozent im Ernährungsgewerbe kommen von hier." In der Bahntechnik habe sich rund um den Großkonzern Bombardier mit Standorten in Bautzen und Görlitz ein Cluster von 170 Zulieferern herausgebildet. Allerdings: "Wir brauchen mehr Finalisten" - sprich Hersteller von Endprodukten.

Als falsch bewerteten alle drei die zeitweise vom Freistaat Sachsen und auch von der Stadt Görlitz gefahrene Strategie, mit niedrigen Löhnen zu werben: "Ich habe als Wirtschaftsminister mit diesem Werbeargument Schluss gemacht", so Thomas Jurk. Unter seinem FDP-Nachfolger sei es aber schon bald wieder aufgetaucht. Ein im Publikum anwesender Mitarbeiter der Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH versicherte allerdings, dass auch heute nicht mehr mit niedrigen Löhnen geworben werde. Immerhin, so räumte Jurk ein, habe diese Werbestrategie bei der Ansiedlung von Unternehmen in Görlitz "einen gewissen Erfolg" gehabt. "Zu guter und erfolgreicher Arbeit gehört ein ordentlicher Lohn", findet auch Holm Große. "Sonst können wir die Menschen nicht an unsere Region binden."

Dies wurde auch bei mehreren Beiträgen aus dem Publikum deutlich, die darauf hinwiesen, dass noch immer viele junge Menschen die Region verlassen wollen. Defizite, an denen man "feilen" müsse, gebe es auch noch bei der Willkommenskultur.

Auf einen besonderen Aspekt "verfehlter" Wirtschaftsförderung machte Mike Altmann, Geschäftsführer des Vereins Lausitz Matrix, der sich mit der Berufsorientierung für Jugendliche beschäftigt, aufmerksam: "Was wir nicht brauchen, sind neue Mädchenprogramme. Die Mädchen haben deutlich weniger Probleme beim Berufseinstieg als die Jungs. Hier wurde in der Vergangenheit ein falscher Fokus gelegt."