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Wer hat das Recht?

In ihrem Roman "Unterleuten" entfaltet die bekannte Schriftstellerin Juli Zeh das spannungsvolle Miteinander einer Dorfgemeinschaft, die durch das Angebot, Windräder bei sich aufzustellen, kräftig durcheinander geschüttelt wird. Seit etwa zehn Jahren hat die Autorin ihren Wohnsitz von der Stadt in ein brandenburgisches Dorf verlegt.

Inzwischen hält sie die kulturellen Unterschiede zwischen den großen Metropolen und dem ländlichen Bereich für gewichtiger als die zwischen Ost und West oder In- und Ausländern.

Auf kunstvolle Weise gelingt es ihr zu zeigen, wie durch einen politischen Konflikt tiefer liegende Gegensätze eskalieren. In einem Interview hat sie Folgendes dazu geäußert: Wenn ich in Unterleuten eines gelernt habe, dann, dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends Recht hat.

Das ist in der Tat der Grund für viele Konflikte. Es ist die Haltung, die uns unleidlich und einsam macht, aber eben ein Gefühl von Überlegenheit verschafft. Dabei wissen wir sehr gut, dass uns der Überblick fehlt, um eine Situation bis ins Letzte zu überschauen oder eine Person wirklich beurteilen zu können. Unsere Einsicht ist grundsätzlich begrenzt.

Wir sollten besser immer noch einmal nachfragen und nur vorläufige Urteile abgeben. Die heilige Schrift bezeichnet den menschlichen Drang, recht behalten zu wollen als das Grundübel des Menschen, in welchem er sich von Gott abkehrt. Wenn ich nach Gott frage, dann akzeptiere ich, dass nicht ich, sondern er den Überblick hat. An mir ist es, für jeden Schritt neu danach zu fragen, was recht ist.

Mit diesem Fragen beginnt die Befreiung aus dem Gefängnis meiner selbst gewählten Rechthaberei. Ich entdecke Unerwartetes bei den Menschen, neue Chancen in Konflikten, ich entdecke, dass ich gehalten bin durch den, der über allem ist. Der Spruch für die kommende Woche drückt das so aus: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 1. Petrus 5,5

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.