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Wenn Wölfe Biber fressen

Ökologe Kay Sbrzesny vom Landschaftspflegeverband Oberlausitz befasst sich in einem Projekt unter anderem mit den heimischen Bibern.
Ökologe Kay Sbrzesny vom Landschaftspflegeverband Oberlausitz befasst sich in einem Projekt unter anderem mit den heimischen Bibern. FOTO: amz1
Rietschen. Was vertilgen Lausitzer Wölfe? Natürlich Rehe, Hirsche, Wildschweine. Hin und wieder auch Schafe. Neuerdings stehen Biber auf dem Speiseplan der Graupelze. amz1

Insbesondere in der Königsbrücker Heide beobachten Experten dieses Phänomen. Dort, so erklärt Wolfsfachmann Stephan Kaasche während eines Vortrages in Rietschen, bestünden bereits sieben bis neun Prozent der Wolfsnahrung aus Biberbestandteilen. Die Gründe lägen auf der Hand: "In diesem Gebiet gibt es eine gesättigte Biberpopulation", sagt Kaasche. Viele Tiere würden abwandern, um eigene Reviere zu besiedeln. So seien auch flachere Gewässer gefragt. Dort könne der Wolf leichte Beute machen. Besonders unerfahrene Jungtiere müssten dran glauben.

Im Kreis Görlitz gebe es ebenfalls biberfressende Wölfe. Nach Angaben von Kay Sbrzesny vom Landschaftspflegeverband Oberlausitz haben Wissenschaftler des Görlitzer Senckenberg-Museums in der Wolfslosung entsprechende Spuren gefunden. Ob sich manche Graupelze bereits auf Meister Bockert, wie der Biber im Volksmund genannt wird, spezialisieren, sei noch unklar.

Wer die jüngste Geschichte von Wolf und Biber in der Lausitz betrachtet, findet erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Beide Arten waren ursprünglich in der Region ausgerottet. Zur Jahrtausendwende setzte dann die Rückkehr ein. Mehrere Wölfe wanderten aus Polen kommend auf den Truppenübungsplatz Oberlausitz und bildeten dort das erste Rudel auf deutschem Boden. Die Biber kehrten im Jahr 1998 in die Lausitz zurück. Damals wurden am Queis, der die Ostgrenze der Oberlausitz bildet, mehrere Nager ausgesetzt. Nur ein Jahr später erfolgte der erste Nachweis auf deutscher Seite, konkret an der Neiße bei Zodel nördlich von Görlitz.

Heute, so Kay Sbrzesny, sei der Grenzfluss insbesondere nördlich der Kreisstadt mehr oder weniger flächendeckend besiedelt. Weitere Biberreviere gebe es unter anderem an der Spree unweit des Bärwalder Sees.

Bei fast allen Tieren handele es sich um Populationen, die ursprünglich aus Weißrussland und aus anderen Teilen Osteuropas stammen. Lediglich bei Weißwasser sei bislang eine Population des Elbe-Bibers genetisch nachgewiesen worden. Insgesamt, so schätzt Sbrzesny, leben im Kreis Görlitz aktuell um 200 Biber-Paare. Ebenso wie beim Wolf gibt es auch zwischen Mensch und Biber Konflikte. Beispielsweise, wenn Meister Bockert Gräben so anstaut, dass angrenzende Felder unter Wasser gesetzt werden. Oder wenn er Fischteiche leerlaufen lässt. Solch einen Fall gäbe es in der Oberlausitz wohl noch nicht, allerdings habe sich Ähnliches in der Dübener Heide zugetragen. Im Gegensatz zum Wolfsmonitoring stehe die Biberforschung in der Oberlausitz erst am Anfang. "Wir haben bislang noch nicht mal ein taugliches Foto von einem heimischen Tier", bedauert Kay Sbrzesny. Selbst für das Nager-Porträt auf dem Biber-Flyer des Landschaftspflegeverbandes Oberlausitz musste ein Tier aus Norddeutschland herhalten. Inzwischen seien mehrere Fotografen auf Achse, um auch mal die hiesigen Biber abzulichten.

Naturfreunde könnten sich indes sehr glücklich schätzen, wenn sie einen leibhaftigen Wolf oder Biber zu Gesicht bekommen. Denn beide Arten seien sehr scheu, dazu meist nachtaktiv. Wer im Biber-Revier unterwegs ist, sollte sich indes vorsehen, rät Kay Sbrzesny. Denn durch den Einbruch unterirdischer Biberbaue könnten sich im Boden Löcher bis zu einem Meter Tiefe auftun.

Sobald Wölfe Menschen registrieren, ergreifen sie in aller Regel die Flucht. "Die Tiere wissen, dass wir nicht zu ihrem Nahrungsspektrum gehören", erklärt Stephan Kaasche. Vorsehen sollte man sich allerdings, wenn die Graupelze hundeähnlich bellen. "Dann befindet man sich im Zentrum ihres Reviers", so Kaasche. Es verstehe sich von selbst, dass die Tiere nicht provoziert werden sollten. Gefährlich sei es, wenn Wölfe durch Menschenhand angefüttert werden. In vielen Lausitzer Orten gebe es in freier Landschaft Komposthaufen, wo sich auch Fleischreste wiederfinden. So etwas nehme Isegrim gern mit.

Doch normalerweise sei der Wolfsspeiseplan aufgrund der hohen Dichte an Reh-, Rot- und Schwarzwild mehr als reichlich gedeckt. Und neuerdings gesellt sich der Biber dazu.