ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:41 Uhr

Medizin
Wenn die Seele krank ist

OB Torsten Pötzsch mit Verwaltungsdirektorin Ute Gawollek bei seinem Rundgang durch die Klinik.
OB Torsten Pötzsch mit Verwaltungsdirektorin Ute Gawollek bei seinem Rundgang durch die Klinik. FOTO: Gabi Nitsche
Weißwasser. In der Tagesklinik Weißwasser werden jährlich um die 100 Patienten behandelt. Immer mehr junge Leute brauchen Hilfe. Von Gabi Nitsche

Mal ist es ein Handwerksbetrieb oder ein Geschäft, wo Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) hinter die Kulissen schauen möchte und mit den Beschäftigten das Gespräch sucht. Dieser Tage führte ihn sein Weg in die Tagesklink. Seit 2012 gibt es diese Einrichtung, die Patienten mit psychischen, psychosomatischen oder neuropsychiatrischen Erkrankungen hilft. Geballte Frauenpower empfing den OB. „Gibt es hier auch Männer im Team?“ erkundigte sich Pötzsch. „Nein, wir sind ein starkes Frauenteam“, meinte Diplompsychologin Ulrike Baron. 20 Plätze stehen für erwachsene Patienten zur Verfügung, und die hätten nichts mit einer stationären Behandlung wie in einem Krankenhaus zu tun. Wer sich hier helfen lässt, ist nicht verrückt, sondern befindet sich oft in einem Teufelskreis und findet den Ausgang nicht.

Die Tagesklinik befindet sich in Friedrich-Gauss-Straße. Sie soll besser ausgeschildert werden.
Die Tagesklinik befindet sich in Friedrich-Gauss-Straße. Sie soll besser ausgeschildert werden. FOTO: Gabi Nitsche

„Wir helfen dabei, diesen Schritt zu schaffen“, erklärt Oberärztin Beate Spannaus. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und zwei Tage pro Woche in Weißwasser für die Patienten da. Ansonsten arbeitet die Ärztin im Krankenhaus Großschweidnitz im stationären Bereich. Die Tageskliniken in Weißwasser, Hoyerswerda und Görlitz – zu jeder gehört auch ein Kinder- und Jugendbereich mit jeweils 20 Plätzen – sind Bestandteil vom Krankenhaus Großschweidnitz.

Die Keramikarbeiten, die in der Ergotherapie der Tagesklinik entstehen, können sich echt sehen lassen.
Die Keramikarbeiten, die in der Ergotherapie der Tagesklinik entstehen, können sich echt sehen lassen. FOTO: Gabi Nitsche

„Bei uns lernen die Patienten, darüber zu reden, was ihnen zu schaffen macht“, erklärt Ulrike Baron. Das geschieht tagsüber von 8 bis 16 Uhr, und anschließend geht’s wieder nach Hause, zurück in den Alltag, zu den Freizeitinteressen und so weiter. Wie er sich denn so eine Behandlung vorstellen soll, will der OB wissen. So erfährt er, dass einige schon anfangs mit einem mulmigen Gefühl in der Tagesklinik aufkreuzen. Eingewiesen werden diese von ihren Hausärzten, aber auch von Fachärzten und niedergelassenen Psychotherapeuten, berichtet Ulrike Baron. Aber auch ohne Einweisung kann sich jeder informieren, auf dessen Schultern ein Problem lastet und deshalb nicht weiter weiß.

Diplompsychologin Ulrike Baron beantwortet die Fragen vom OB.
Diplompsychologin Ulrike Baron beantwortet die Fragen vom OB. FOTO: Gabi Nitsche

Ulrike Baron und Kolleginnen würden sich wünschen, wenn noch mehr Menschen die Hemmschwelle überwinden könnten. Denn einige Patienten haben eine lange Odyssee hinter sich, bis sich herausstellt, dass ihre Seele krank ist. Die Fachleute in der Tagesklinik suchen nach einer geeigneten, gezielten Therapie. Das können Gruppen- und Einzeltherapien sein, so Ulrike Baron. Wobei die Ergotherapie für alle gilt. „nur die Zielstellungen sind unterschiedlich“, sagt sie.  Für andere eigne sich eine Bewegungstherapie besonders gut oder zu musizieren. Selbst eine Genussgruppe gibt es. Hier lernen die Teilnehmer zu genießen, die Geschmacksnerven zu aktivieren, nennt Beate Spannaus Beispiele. Hauswirtschaftliches und somit lebenspraktisches Training – auch das gehört zu individuellen Behandlungstherapien.

Oberärztin Beate Spannaus gehört zum Team der Tagesklinik.
Oberärztin Beate Spannaus gehört zum Team der Tagesklinik. FOTO: Gabi Nitsche

Über 100 Fälle weist die Statistik pro Jahr aus, und im Durchschnitt dauert die Behandlung dreißig Tage, erfährt OB Pötzsch von Ute Gawollek. Sie ist Verwaltungsdirektorin des Krankenhauses in Großschweidnitz. Nicht immer sei die Tagesklinik zu einhundert Prozent ausgelastet. Es gebe auch Absagen. Das sei nicht so schön.

Ob denn psychische Erkrankungen zu bestimmten Jahreszeiten zunehmen, zum Beispiel höre man doch oft etwas von Winterdepression, so Pötzsch. Oberärztin Spannaus verneinte das. In den letzten Jahren habe sich das Alter der Patienten jedoch geändert. Anfangs waren es mehr die über Vierzigjährigen, die sich behandeln ließen. Jetzt sind es verstärkt Jüngere zwischen 18 und 30. „Oftmals geht es um Schwierigkeiten beim Übergang von Schule zu Ausbildung, um Lebensanforderungen. Nicht selten ist es notwendig, Selbstbewusstsein und soziale Fertigkeiten aufzubauen. Das spielt aus unterschiedlichen Gründen eine große Rolle. Nach der Rückfallquote befragt, nennt Oberärztin Spannaus 20 Prozent. Das hänge vom Krankheitsbild ab und beziehe sich meist auf chronische Erkrankungen. Es werden Besserungen erreicht, aber der Patient kann nicht geheilt werden, es bleiben Symptome.

Personalsorgen habe die Tagesklinik nicht, bis auf den ärztlichen Bereich. „Das ist ja generell ein Problem, egal um welche Fachrichtung es geht“, bedauert die Verwaltungsdirektorin.

Bevor sich Weißwassers OB durch die Tagesklinik führen ließ, fragte er: „Was können wir denn als Stadt für Sie tun?“ Ute Gawollek reagierte prompt und bat um eine bessere Ausschilderung mit Hinweisen auf die Tagesklinik. „Einige Menschen wissen gar nicht, dass es uns gibt…“ Die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Hausärzten möchte das Team der Tagesklinik gern verstärken. Mit den ambulanten Psychotherapeuten klappt es sehr gut, hieß es.

Weißwasser ist am 15. Dezember von einem Landesfachgremium neben Marienberg als zweite Modellregion ausgewählt worden. Es sollen Maßnahmen erprobt werden, die geeignet sind, eine zukunftsfähige gute medizinische Versorgung sicherzustellen. Das hatte Sachsens Gesundheitsministerin betont und gesagt, Krankenhäuser und  niedergelassene Ärzte sollen einbezogen werden. Ute Gawollek möchte, dass die Tagesklinik bei diesem Modellprojekt nicht vergessen wird. Torsten Pötzsch werde das an Landkreis-Dezernentin Martina Weber weitergeben, versprach er seinen Gesprächspartnern.