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| 01:47 Uhr

Wenn die Bibel zum Streitfall wird

Diese kleinen Gideon-Bibeln wurden auch schon an Schüler des Foucault-Gymnasiums verteilt. Foto: Gernot Menzel
Diese kleinen Gideon-Bibeln wurden auch schon an Schüler des Foucault-Gymnasiums verteilt. Foto: Gernot Menzel FOTO: Gernot Menzel
Hoyerswerda. Als Renate Schmidt aus Knappenrode vor einigen Tagen davon las, dass die Lausitzer Gruppe des Gideonbundes auf Schulhöfen in Hoyerswerda das Neue Testament verteilt, ärgerte sie sich. „In der BRD existiert die Trennung von Kirche und Staat. Wie kommt also eine Glaubensgemeinschaft dazu, auf Schulhöfen, also staatlichem Gebiet, Bibeln zu verteilen?“, fragte sich die Knappenroderin, die lange für die Linke im Stadtrat saß. Von Mirko Kolodziej

Ein Sprecher der Gideons, die sich selbst als "berufsorientierte Vereinigung von evangelischen Geschäftsleuten" bezeichnen, bezieht sich auf ein Schreiben des sächsischen Kultusministeriums aus dem Jahr 2000, das solche Missionierungs-Aktionen ausdrücklich erlaubt. Allerdings gelte die Regel, dass jede Schule selbst zu entscheiden habe. Schulleiter Uwe Blazejczyk vom Léon-Foucault-Gymnasium verweist in diesem Zusammenhang auf § 1 des Sächsischen Schulgesetzes.

Er schreibt nämlich unter anderem auch fest, dass die Bildung im Land "insbesondere anknüpfend an die christliche Tradition im europäischen Kulturkreis" Werte vermitteln soll.

Die Gideons, die nicht erst seit diesem Jahr auch auf Hoyerswerdaer Schulhöfen aktiv sind, heben interessanterweise nicht vordergründig auf Religion ab. Sie erklären die Bibel in diesem Zusammenhang kurzerhand zu einem "wertvollen Kulturgut". Auch der Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Hoyerswerda, Heinrich Koch, der die Bibel-Verteilung unterstützt, knüpft an dieses Argument an. Man könne, sagt er, die hiesige Kultur ohne Bibel nicht verstehen. Zudem sei die Trennung von Staat und Kirche zwar richtig. Das heißt nach seinem Verständnis aber: Der Staat dürfe nicht über Glaubens- oder Gewissensfragen entscheiden und die Kirche sich nicht staatlicher Gewalt bedienen. Jedoch: "Die Trennung von Staat und Kirche besagt nicht, dass der Staat sich faktisch zum Atheismus bekennen soll. Wir haben keine atheistische Staatsideologie mehr. Wir haben auch keinen laizistischen Staat wie in Frankreich, der seinen Bürgern verbietet, im öffentlichen Leben ihren Glauben zu zeigen", so Koch. Der Pfarrer sagt, das Grundgesetz habe solch eine Trennung nicht gewollt. Es gehe nicht nur von einer freien und öffentlichen Religionsausübung, sondern auch von einer Kooperation zwischen Staat und Kirche aus. Der Staat solle die Religionsgemeinschaften sogar fördern.

Die Schule wiederum, greift Koch das "Kulturgut"-Argument der Gideons auf, sei ein Ort der Wertevermittlung. "Werte sind aber nicht ohne Sinnstiftung zu haben. Solcher Sinn kann nicht allein durch Logik gefunden werden, sondern bedarf immer eines Sprunges in ein Vertrauen, also in Glauben", so der Superintendent. Er meint, es sei ein Irrtum der Vergangenheit, Staatsideologie für eine sich jedem vernünftigen Menschen logisch erschließende Weltsicht zu halten. Wenn das Gebot der weltanschaulichen Neutralität des Staates tatsächlich neutrale Erziehung bedeuten würde, müsste man auf Wertevermittlung ganz verzichten.

Für den Kirchenmann jedenfalls wäre es merkwürdig, würden Schulleiter das Bibel-Verteilen verbieten.