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| 09:11 Uhr

Abenteuer
Wenn der Yukon River Quest ruft

Mirko Prüfer am Start für sein großes Abenteuer.
Mirko Prüfer am Start für sein großes Abenteuer. FOTO: Mirko Prüfer
Podrosche. Mirko Prüfer aus Podrosche absolvierte im Juni erfolgreich 715 kanadische Fluss-Kilometer im Kajak-Einer. Von Gabi Nitsche

Wie viel Verrücktheit muss in einem stecken, um in einer Zeit von 58 Stunden und zwei Minuten 715 Kilometer im Einer-Kajak auf dem kanadischen Yukon zu paddeln? Es ist der fünftlängste Fluss mit seinen 3200 Kilometern in Nordamerika. Mirko Prüfer lacht. Der 37-Jährige aus Podrosche an der Neiße suchte diese sportliche Herausforderung Ende Juni, nachdem er schon im Vorjahr mit seinem Drachenbootteam Hai Voltage aus Cottbus am Yukon River Quest das Abenteuer des längsten Kanu- und Kajak-Rennen der Welt bestanden hatte. Als erstes deutsches Team in ihrer Bootsklasse gestartet, kam die sechsköpfige Crew nach 59 Stunden und 17 Minuten reiner Fahrtzeit auf Platz 52 ins Ziel von 87 Teams. Mirko Prüfer freut sich, er hat jetzt die kräftezehrende Strecke in einer Stunde weniger gepackt. Und das als 42. Team von 103 Startern und immerhin als Vierter in seiner Klasse (Männer Einer-Kajak). „Mehr als 25 Teams schafften es nicht bis nach Dawson-City, der bekannten Goldgräberstadt, und mussten unterwegs aufgeben.“

Mirko Prüfer gesteht wenige Wochen nach der extremen Herausforderung: „Jetzt hab‘ ich mein Leben erst einmal zurück.“

Denn vor dem Start in Kanada lagen zehn Monate intensiver Vorbereitung. „In denen bin ich mehr als 1000 Trainingskilometer gepaddelt, mehr als 1500 gejoggt, habe an unzähligen Wettbewerben teilgenommen, drei Marathonläufe, einen 74 Kilometer Ultramarathon absolviert“, zählt der Podroscher Beispiele seines Trainingsprogramms auf. Noch vor einem Jahr hatte er null Erfahrungen als Solist im Kajak. „Kaum angeschafft, bin ich damit auf die Neiße – ich wohne ja nur 300 Meter vom Fluss – und bin dann sechs Kilometer gegen den Strom und sechs Kilometer mit dem Strom gepaddelt. Ich musste zusehen, nicht umzukippen. Von Woche zu Woche wurde das dann besser.“

Mirko Prüfer, der BWL an der TU Dresden studiert hatte und bei der Leag in Boxberg in der Personalabteilung arbeitet, schnallte sein Boot auf seinen Pkw und trainierte fortan vor oder nach der Arbeit auf dem Bärwalder See. Bei Wind und Wetter, Schnee und Eis, absolvierte er eine 14-Kilometer-Distanz und das größtenteils in Ausrüstung, also mit Rettungsweste, übte umzukippen und sich wieder aufzurichten. „Eigentlich hielt ich mich in Ufernähe auf, aber einmal war es wohl zu dunkel. Ich hatte die Orientierung ein bisschen verloren, paddelte über den See. Wenn einem dann in den Kopf kommt, der Bärwalder See ist bis zu 60 Meter tief, dann ist das nicht ohne …“

Zu Ostern ging’s nach Mecklenburg-Vorpommern. 175 Kilometer auf der Peene bis zur Ostsee hatte sich Mirko Prüfer auferlegt. Alles war gut vorbereitet. Nur mit dem Wintereinbruch hatte er nicht gerechnet, zog die Sache trotzdem durch. „Die Strecke führt anfangs über den Malchiner und Kumerower See. Es war eisig, windig, die Wellen schlugen hoch und dazu noch das Schneetreiben – eine schlimme Situation.“ Doch der Extrem-Sportler kenterte nicht, überwand den Schmerz des frierenden Körpers, vor allem der Hände, und kämpfte sich über 28 Stunden ins Ziel. „Ende 2017, Anfang 2018 war ich die ersten Marathons in meinem Leben gelaufen, dann neun Stunden durchweg beim Rennsteig-Ultramarathon mit 74 Kilometern – meine Eltern erklärten mich echt für verrückt.“ Doch der Podroscher hatte sich das Ziel gesetzt, das Yukon-Abenteuer im Einer-Kajak, und da hielt ihn nichts auf. „Man braucht Geduld und Ausdauer – das ist das Wichtigste für diesen Wettkampf – und das muss man trainieren.“

Am 22. Juni flog Mirko Prüfer nach Whitehorse, wo am 27. Juni der Yukon River Quest beginnen sollte. Seine Ausrüstiung hatte er komplett dabei. Nur das Boot mietete er vor Ort, taufte es auf Lara 2, denn sein eigenes heißt Lara. Beim Training erlebte Mirko Prüfer sowohl sehr gut vorbereitete Paddler als auch Leute, denen nicht wirklich bewusst war, auf was sie sich da einlassen. Selten zuvor war er derart angespannt und mitunter gereizt wie in diesen Tagen, erinnert sich der Podroscher.

Wenn Mirko Prüfer von seinem Abenteuer erzählt, dann sehr lebendig. Der Zuhörer hat das Gefühl, am Ufer zu stehen und selbst Beobachter zu sein. „Um Punkt 12 Uhr ertönte das Startsignal, und über 242 Teilnehmer aus 14 Ländern setzten sich rennend, laufend oder gehend in Bewegung, um zu ihren Booten zu gelangen. Meine Strategie war klar, ich lief langsam, nutzte die Zeit zum Filmen und ließ mir auch unmittelbar am Ufer recht viel Zeit. Die meisten Teilnehmer wurden von Helfern ins Boot gesetzt und abgestoßen. Ich war allein auf diesem meinem Abenteuer.“ Bloß nicht zu viel Hektik am Anfang, raten die erfahrenen Teilnehmer. Die Worte im Ohr, begab sich Mirko Prüfer auf die Tour durch die Wildnis.

Nach und nach überholte der 37-Jährige immer mehr Boote. Das steigerte seine Motivation und Schlagfrequenz, freut er sich noch heute. Denn anfangs waren es noch schwache Teams, später auch welche, deren Namen er von den Ergebnislisten früherer Rennen kannte. Selbst an Voyagerbooten mit sechs bis neun Paddlern zog er vorbei. „Auch wenn ich mit meiner Leistung soweit zufrieden war, wusste ich doch, dass das eigentliche Rennen nun erst los ging … Viele denken, der Lake Laberge ist die schwierigste Passage, da man beim Paddeln von keiner Strömung unterstützt wird, jedoch fängt das eigentliche Rennen danach erst an, wenn es in die erste Nacht geht, und es kälter wird.“ Die erste Nacht traf den Solisten Mirko Prüfer überraschend hart, sagt er. „Ich hatte mit der Müdigkeit zu kämpfen, der Streckenschlag war nicht mehr so rund und wie im Vorjahr hatten die Einheimischen auf dem Fluss klare Vorteile, da sie diesen besser ‚lesen‘ können. Sie fanden immer die optimale Strömung. Ich hingegen war gefühlt immer dort, wo keine Strömung war.“ Platz um Platz habe er so verloren, bis er aus dem Motivationstief wieder herausfand. Dabei halfen ihm starker Kaffee und Hörbücher. Krimis oder Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg…“  Und von zuhause verfolgten Eltern und Freunde sein Tun am Computer. „ich hatte ein GPS-Spot dabei, der sendete alle zehn Minuten ein Signal.“

Nach knapp 27 Stunden und 300 Kilometern erreichte Mirko Prüfer Carmacks. „Hier müssen alle einen ersten Pflichtstopp einlegen. Die Zeit wird angehalten für sieben Stunden. Duschen, Essen, vier Stunden schlafen.“ Dann ging’s weiter - mit gefüllter Thermoskanne mit Kaffee für die nächste Nacht, Sahnedrops, Mini-Salami und Müsli-Riegel - auf dem Fluss, der mit 14 km/h gnadenlos in Richtung Norden strömte. Bis zum zweiten Pflichtstopp waren es 250 Kilometer.

Der Körper funktionierte nur, erinnert sich Mirko Prüfer. „Aus Minuten wurden Stunden und aus Stunden wurde fast ein Tag. Mitunter störte über Stunden hinweg kein Laut außer dem monotonen Paddelgeräusch die Szenerie.“ Obwohl mächtig müde blieb ihm am Haltepunkt nur eine Stunde Zeit zum Schlafen.

Nach diesem letzten Stopp ging es nun in die finale Nacht. „Das ist jene, welche alle Teilnehmer fürchten, da die Erschöpfung, der Schlafmangel und nicht zuletzt die Bedingungen auf dem Fluss immer wieder ihre Opfer finden.“  Viele Teilnehmer berichten von Halluzinationen die sie in dieser Phase des Rennens haben, weiß der Podroscher. Da werden Boote gesehen, die nicht da sind, oder Gesichter in den Felsen der Berge… Permanenter Gegenwind, die Strömung und der vergebliche Versuch, den Yukon zu queren, machten ihm und zwei anderen Teams, an deren Fersen er sich geheftet hatte, zu schaffen. „Allein wäre ich sicherlich schneller gewesen. Aber ich war so müde und wusste, dass mich nur die Gesellschaft der anderen Boote vorm Einschlafen bewahrt.“ Da ahnte er noch nicht, was ihm die letzten 50 Kilometer abverlangen werden. Mirko Prüfer: „Das Voyager vor mir nahm in einer abenteuerlichen Kurve und unter kräftigem Paddeln Kurs auf einen Seitenarm des Yukon, wobei ich für einen Moment unschlüssig war, ob ich folgen oder allein weiter paddeln sollte. Ich entschied mich zu folgen, was ein Fehler war.“ Denn nach zwei Kilometern hatte sich die vermeintliche Abkürzung als Sackgasse erwiesen. Ein Biberdamm. Die Crew des Voyagers war schmerzfrei. Sie zerrte ihr gemietetes Boot über Stock und Steine, durch Dreck und Schlamm in Richtung Fluss. Das Schicksal wollte der Lausitzer seinem Boot ersparen. „Daher blieb für mich nur der schwierige Weg zurück gegen die Strömung. Nach zwei Kilometern und 20 Minuten, in denen ich mich vollkommen verausgabte, erreichte ich schließlich wieder den Fluss. Leider war ich nunmehr völlig erschöpft, hatte mir eine Zerrung der Schulter zugezogen und war zudem jetzt ganz auf mich allein gestellt. Keine gute Voraussetzung nachts um 4 Uhr und nach inzwischen 54 Stunden paddeln.“ Obwohl sein Magen längst aufgrund des starken Kaffees rebellierte, zwang er sich den letzten großen Schluck und eine Schmerztablette rein. Die Augen drohten ihm zuzufallen und das Boot umzukippen. Durchhalten, ermahnte er sich. „Zudem machte der Fluss plötzlich ein ziemliches Gefälle in Richtung Ziel. Dachte ich zumindest, denn als ich aufhörte zu paddeln, stand ich trotz des vermeintlichen Gefälles. Irgendwie erreichte ich völlig fertig und erledigt, aber dankbar und froh das Ziel.“ Den Moment an diesem verregneten grauen Samstag um 8.03 Uhr könne er kaum in Worte fassen. Taumelnd verließ er nach 76 Stunden inclusive fünf Stunden Schlaf sein „Zuhause für drei Tage“. Unvergessen sei, dass er zu seiner Überraschung vom Team des Voyagerbootes empfangen wurde. Die Crew war nur circa zehn Minuten vor ihm angekommen. Am liebsten wäre er unter die heiße Dusche gegangen und schlafen, nichts wie schlafen. „Doch das musste noch zwei Stunden warten. Lara 2 musste schnellstens gereinigt und verladen werden für die Rücktour zur Verleihstation.“

Er habe sich an diesem Tag halbtot gefühlt. „Mir tat alles weh, ich war völlig kaputt, aber Muskelkater hatte ich keinen.“ Mirko Prüfer lächelt, als er sagt: „Ja, ich bin stolz auf das schöne Abenteuer und frag mich selbst, was nun als Nächstes folgen könnte…“ Ziemlich sicher sei, dass er mit seinen Eltern nächstes Jahr als Touri die herrliche kanadische Natur erleben möchte.

„Zurück im Leben“ – das heißt Job, Familie, Grundstück, Traktorverein, Jagdgenossenschaft „und einmal pro Woche Drachenboot-Training in Cottbus.“ So wie nach der Mannschafts-Tour 2017 wird er auch jetzt interessierten Leuten von dem Rennen mit allem Drum und Dran erzählen, sie dank vieler Fotos und Videos mitnehmen auf die abenteuerliche Fluss-Tour.

Im Schein der Mitternachtssonne. Auch wenn es romantisch aussieht, war die Tour eins: sehr anstrengend.
Im Schein der Mitternachtssonne. Auch wenn es romantisch aussieht, war die Tour eins: sehr anstrengend. FOTO: Mirko Prüfer
So sah die Ausrüstung aus, mit der Mirko Prüfer mit dem Leihkajak an den Start ging.
So sah die Ausrüstung aus, mit der Mirko Prüfer mit dem Leihkajak an den Start ging. FOTO: Mirko Prüfer
Die Urkunde, auf die Mirko Prüfer stolz ist.
Die Urkunde, auf die Mirko Prüfer stolz ist. FOTO: Mirko Prüfer
Mirko Prüfer beim Paddeln
Mirko Prüfer beim Paddeln FOTO: Mirko Prüfer